Das Medium allein hat keinen Wert…

Kurzbericht Pädagogische Tagung 2019: Der digitale Wandel im Gymnasium – Chancen und Risiken
Vernetzung und Digitalisierung sind dabei, unsere Schulen, wie nahezu alle Lebensbereiche, zu verändern. Gerade an die Schulen wird aber gleichzeitig auch die Erwartung geknüpft, dass sie eine korrektive Wirkung auf die digitalisierten Informations- und Kommunikationsprozesse entfalten. Hier kommt dann die Medienpädagogik ins Spiel, die den sinnvollen und kreativen Gebrauch der Medien – von Computer über Tablets bis zu Smartphones – absichern soll, Chancen und Risiken in den Blick nehmend.

M. Rust, Prof. Schlingensiepen

An den beiden Tagen im Januar kamen ausgewiesene Bildungsexperten zu Wort. Die Tagung begann mit den Grußworten von Matthias Rust, Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Schule/Wirtschaft Hessen, und Prof. Dr. Jörn Schlingensiepen, engagierter Vater im Schulelternbeirat und Professor der Ingenieurwissenschaften, die bereits auf fundierte und interessante Weise das Tagungsthema mit unterschiedlichen Schwerpunkten aufgriffen.

Prof. Groß, R. Schwab (Vorsitzender des Päd. Ausschusses)

Als erster Referent des Tages präsentierte Prof. Jorge Groß, Direktor des Instituts für Erforschung und Entwicklung fachbezogenen Unterrichts an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, einen spannenden Beitrag zu dem Thema „Lehren und Lernen in der digitalen Welt – Meilensteine und Stolpersteine im (naturwissenschaftlichen) Unterricht“ und ging Fragen nach den Chancen für den Unterricht, speziell in den Naturwissenschaften, nach, die sich durch die großflächige Verfügbarkeit dieser Medien eröffnen. Was bedeutet die Digitalisierung für Schüler und Lehrer, was für die Lehramtsausbildung oder das Verhältnis zwischen Schule, Eltern und Konzernen?

Informativ, begeistert, aber auch kritisch betrachtete er die Nutzung von Tablets oder Smartphones im Unterricht, gab zahlreiche Beispiele und kam zu dem Fazit, dass mehr Zeit mit den digitalen Geräten nicht unbedingt auch mehr Lernkompetenz bringe. Vielmehr komme es auf ihren zielgerichteten Einsatz an – wie bei allen Medien. Auch ein sehr gut geschriebenes Schulbuch mache Schülerinnen und Schüler nicht per se klüger, wohl aber dessen fachdidaktisch gute Verwendung. Wenn man sie sinnvoll im Unterricht einsetze, können digitale Medien wie Tablets oder Smartphones Katalysatoren für fruchtbare Lehr-Lern-Prozesse in Hochschule und Schule sein, da sie insbesondere Kommunikationsprozesse stark förderten.

Am Nachmittag des ersten Tages wurde in Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten (fachübergreifende und fachspezifische Aspekte der Digitalisierung) Gelegenheit gegeben für einen professionellen Erfahrungs- und Meinungsaustausch sowie für die Erarbeitung eigener Positionen. Diskutiert wurde, wie die digitalen Innovationen die schulische Arbeits- und Lernkultur verändern und wie sie im Sinne der Bildung kontrolliert und zielgerichtet genutzt werden können. Verhindert werden muss, dass die Schulen von den Entwicklungen überrollt werden: Wir Lehrkräfte sollten die Oberhand behalten. Die Frage stellte sich, ob und wie ein alle Fächer einbeziehendes Medienkonzept aussehen kann, durch das die Schüler ‚medienkompetent‘ werden. Erörtert wurde auch, ob bewährte Lehrmethoden und Kommunikationsformen, die ohne digitale Medien auskommen, unter Rechtfertigungsdruck stehen. Eine Reihe von Forderungen hinsichtlich der Bereitstellung der Ressourcen durch das Land und die Schulträger wurden formuliert.

Prof. Beißwenger, R. Schwab

Der zweite Tag begann mit einem Grußwort von Stephan Rollmann aus dem Hessischen Kultusministerium, dem sich der sehr kompetente Vortrag von Prof. Dr. Michael Beißwenger, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Germanistik an der Universität Duisburg-Essen, über das Thema „Lernen mit Medien – Reflexion über Medien: Was „Bildung in der digitalen Welt“ für den Deutschunterricht bedeutet“ anschloss. Anhand zahlreicher Beispiele aus Hochschule und Schule stellte er neue Möglichkeiten und Lernformen mit digitalen Medien vor. Prof. Beißwenger beleuchtete zum einen das „Lernen mit Medien“, zum anderen aber auch das „Lernen über Medien / die Kompetenzen für die digitale Welt“. Seiner Ansicht nach müssten digitale Medien im Unterricht auch als Reflexionsgegenstand hinsichtlich ihrer Effekte auf Sprache, Kommunikation, Individuum und Gesellschaft analysiert werden, um Lernenden Kompetenzen für die Orientierung in der digitalen Welt zu vermitteln. Prof. Beißwenger konstatierte noch viel Handlungsbedarf an deutschen Schulen, was die infrastrukturellen und institutionellen Voraussetzungen betrifft, die Chancen zur Bereicherung des Unterrichts durch die Nutzung digitaler Medien beschrieb er so: „Digitale Medien bieten Potenziale insbesondere für produktions- und problemorientierte sowie lernendenzentrierte Arbeitsformen. Digitale Medien machen Didaktik nicht überflüssig – im Gegenteil: Ein eingesetztes Medium ist immer nur so gut wie das zugrunde liegende (fach-)didaktische Konzept!“

Dr. Burchardt

Als zweiter Referent konnte Dr. Matthias Burchardt, Philosoph, Pädagoge, Publizist und Akademischer Rat an der Universität zu Köln, begrüßt werden, der seinen inhaltlich wie rhetorisch fulminanten Vortrag „Schule mit Nullen und Einsen – Schattenseiten der Digitalisierung“ begann mit der Aussage, er sei nun wohl die „Euphorie-Bremse“. Man werfe ihm immer vor, dass er schwarz-weiß male, aber das stimme nicht.  „Ich male schwarz“, so Dr. Burchardt, und hatte die Lacher damit auf seiner Seite.

Seiner Auffassung nach sei die aktuelle bildungspolitische Situation von einem digitalen Fetischismus geprägt, vom Glauben, dass Geräte und Software das Problem der Bildung von selbst und besser zu lösen in der Lage seien als es die traditionelle Pädagogik könne. „Wie kriegen wir die Geräte in die Schule“ laute dann die Frage, so als sei die pädagogische Praxis von den Medien her zu denken und nicht der Medieneinsatz von der didaktischen Entscheidung her.

Dr. Burchardt hob in seinem Vortrag hervor, dass die schulische Bildung durch Thematisierung von kybernetischen Grundlagen und professionsbezogenen Anwendungen auf die digitalisierte Arbeitswelt vorbereite – aber auch durch die traditionelle Vermittlung von Wissen, Können, Werthaltungen und durch allgemeine Menschenbildung. Sein Fazit: Digitale Endgeräte können als Lehrmittel in Abhängigkeit von Thema und Lerngruppe eine Bereicherung des unterrichtlich-methodischen Spektrums bilden – die pädagogische Grundsituation der personalen Lehrer-Schüler-Beziehung bleibt jedoch wesentlicher Ort der Sachvermittlung und Persönlichkeitsbildung.

Die Tagungsteilnehmerinnen – und teilnehmer stellten übereinstimmend fest, dass es nach wie vor zahlreiche Defizite gebe, die die Nutzung digitaler Medien und Materialien an deutschen Schulen bremse.

Der Hessische Philologenverband fordert daher die sofortige Bereitstellung von finanziellen und personellen Ressourcen durch das Land und die Schulträger.

Vielen Dank an den Pädagogischen Ausschuss für die Organisation!

Angelika Kiene-Bock und Dr. Iris Schröder-Maiwald

Den ausführlichen Bericht über die Pädagogische Tagung finden Sie in der Ausgabe 2/2019 von „Blickpunkt Schule“

Vorträge und Materialien der Referenten stehen nach dem Log-in im Mitgliederbereich unter https://www.hphv.de/downloads/ Artikel und Vorträge zur Verfügung.

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