„Tag der Ausschüsse“ des Hessischen Philologenverbandes (hphv) – Intensive inhaltliche Ausschussarbeit und Austausch mit interessierten Gästen
Am 18. und 19.03.2026 fand im „Landgasthof Hessenmühle“ in Großenlüder bei Fulda der „Tag der Ausschüsse“ des hphv statt. Dieser Tag (diese Tage!) sind ein neues Format, um zum einen die Mitglieder der verschiedenen hphv-Ausschüsse an einem Ort zusammen zu bringen, zum anderen aber auch, um Gäste und interessierte Mitglieder „zum Ausschuss-Schnuppern“ einzuladen. Ganz unkompliziert konnten die Gäste an den einzelnen Ausschusssitzungen (Schulpolitischer Ausschuss- SPA, Pädagogischer Ausschuss – PA, Ausschuss für Gymnasiallehrkräfte an anderen Schulformen – GAS, Ausschuss für berufspraktische Fragen – BPA) teilnehmen, aber auch zwischendurch wechseln, um sich einen Eindruck über die verschiedenen Themenschwerpunkte zu verschaffen.
Die Ausschüsse tagten engagiert und intensiv bis zum späten Nachmittag. Danach konnten wir Mathias Brodkorb begrüßen, den ehemaligen Kultus- und Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern. Herr Brodkorb setzte sich in seinem Vortrag kritisch mit modernen bildungspolitischen Zielen auseinander, vor allem mit der PISA-Studie, dem Ideal der Bildungsgerechtigkeit sowie der Idee der Chancengleichheit. Er bezeichnet die Studien als „PISA-Mythos“ und bezog sich in seiner Kritik u.a. darauf, dass die Studien/ die Rankings methodisch unsicher seien und letztlich die Bildungssysteme zu stark auf messbare Kompetenzen reduziert würden. Seiner Ansicht nach entstünde ein Reformdruck oft durch einen sog. „PISA-Schock“ und erzeuge ein verzerrtes Bild von Bildung. Seine zentrale These: Viele dieser Konzepte seien Mythen oder überhöhte Erwartungen.
„Mythos Bildungsgerechtigkeit“
Brodkorb kritisierte überdies die Idee, dass das Bildungssystem soziale Ungleichheit vollständig ausgleichen könne. Seiner Meinung nach kann Schule Ungleichheiten abmildern, aber nicht beseitigen. Unterschiede in Leistung hängen auch mit Familie, sozialem Umfeld, kulturellem Kapital sowie individuellen Fähigkeiten zusammen. Seiner Ansicht nach sei eine vollständige Bildungsgerechtigkeit unrealistisch.
„Mythos Chancengleichheit“
Dieser „Mythos“ sei, laut Brodkorb, eng verbunden mit Bildungsgerechtigkeit. Seine Argumente: Absolute Chancengleichheit existiere nicht, Menschen starten mit unterschiedlichen Voraussetzungen und die Politik verspreche oft mehr, als sie leisten kann Er kritisiert ein normatives Ideal, das er praktisch für nicht erreichbar hält. Schule könne nicht alle sozialen Unterschiede ausgleichen und Chancengleichheit vollständig herstellen.
Brodkorb vertrat in seinem Vortrag eine skeptische Sicht auf Bildungspolitik. Er wendete sich gegen überzogene Erwartungen an Schule und gegen Gleichmacherei als politisches Ziel.
Den zweiten Tag starteten alle Teilnehmenden gemeinsam mit einer Feedbackrunde. Insgesamt wurde das Format „Tag der Ausschüsse“ als positiv gewertet. Angemerkt wurde, dass die Ausschüsse sich gerne auch am zweiten Tag noch einmal zu einer Sitzungsrunde getroffen hätten. Dies war ein ausgesprochen positives Zeichen für die intensive inhaltliche Arbeit der Ausschüsse, die im Rahmen einer zukünftigen zweitägigen Veranstaltung einen entsprechenden Zeitrahmen erhalten wird.
Bildungsforschung und Schulpraxis
Als zweite Referentin der Tagung konnten wir Frau Dr. Raphaela Schlicht-Schmälzle vom DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation begrüßen, die über die aktuellen Forschungsschwerpunkte des Instituts, das sich mit dem Transfer zwischen Bildungsforschung und schulischer Praxis beschäftigt, referierte.
Der Ansatz des Instituts ist, dass die Forschung praxisrelevant sein solle und gleichzeitig Erfahrungen aus Schulen aktiv in die Forschung einfließen sollten.
Im Mittelpunkt der Bildungsforschung stehen, so die Referentin, ko-konstruktive Kooperationen zwischen Forschenden und Lehrkräften (z. B. langfristige Partnerschaften wie Campusschulen), wobei der Transfer als mehrdimensionaler Prozess verstanden werde. Es gehe, laut Dr. Schlicht-Schmälzle, zum einen um die Aufbereitung und Kommunikation von Forschungsergebnissen sowie um die persönliche Zusammenarbeit und die gemeinsame Entwicklung von Lösungen für Schule und Unterricht. Ziel sei es, wissenschaftliche Erkenntnisse wirksam in Unterricht, Schulentwicklung und Bildungspolitik zu integrieren. Der Fokus des Instituts liege auf der Kooperation und Umsetzung von Forschung im Bildungssystem und der Praxisrelevanz.
Der weitere Forschungsschwerpunkt „Vergleichende Bildungsforschung und vergleichende Bildungspolitik“, von der die Referentin berichtete, untersucht Bildungssysteme im nationalen und internationalen Vergleich. Analysiert werden Bildungsbedingungen, Leistungen und Entwicklungen in verschiedenen Ländern und Kontexten. Ziel sei es, Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Bildungssystemen zu verstehen und daraus Erkenntnisse für Reformen abzuleiten.
Beide Schwerpunkte ergänzen sich laut Dr. Schlicht-Schmälzle, denn die vergleichende Forschung liefert systematische Erkenntnisse über Bildungssysteme und die Wissenschaft-Praxis-Partnerschaften sorgen dafür, dass diese Erkenntnisse in der Praxis ankommen und genutzt werden. Gemeinsam tragen sie dazu bei, Bildung evidenzbasiert zu verbessern.
Nach dem Vortrag von Frau Dr. Schlicht-Schmälzle diskutierten die teilnehmenden Lehrkräfte viele der im Rahmen dieser und anderer Bildungsforschungen gewonnenen Daten kritisch in Bezug auf die konkrete Schulpraxis.
Ein weiterer „Tag der Ausschüsse“ wurde aufgrund der positiven Resonanz in jedem Fall avisiert.
Dr. Iris Schröder-Maiwald
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