„Gerechte Ungleichheit“ statt Gleichmacherei – Gymnasialtag des hphv mit hoher Resonanz

vom | Kategorie: Allgemein, Berichte

Am 26. August 2026 versammelten sich knapp 50 Mitglieder des Hessisxchen Philologenverbandes (hphv) wie im vergangenen Jahr im „Haus am Dom“ in Frankfurt zum Gymnasialtag. Prominente auswärtige Gäste waren die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, sowie der eigens aus Bad Harzburg angereiste Herausgeber des täglichen DPhV-Pressespiegels Wolfgang Kuert.

Promny: Wer bei der Bildung spart, spart nicht für die Zukunft, sondern an der Zukunft

Nach der Begrüßung durch die beiden Organisatoren des Gymnasialtages, die stellvertretenden hphv-Vorsitzenden Annabel Fee und Thorsten Rohde, war der erste Redner des Tages der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Hessischen Landtag, Moritz Promny. Er stellte eingangs die Frage, was die eigentliche Aufgabe der Politik sei, wenn es um Schule gehe. Die Antwort sei eigentlich einfach: Politik müsse die Bedingungen schaffen, unter denen guter Unterricht überhaupt erst möglich werde. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das Grundgesetz gebe dabei die Richtung vor: Jedes Kind habe den gleichen Anspruch auf Chancen. Die Herkunft eines Kindes dürfe nicht über seine Zukunft entscheiden. Genau das sei der Auftrag, den Schule zu erfüllen habe – sie müsse aus unterschiedlichen Talenten so viel machen, wie irgend möglich sei. Das gelinge nur, wenn man den Schülerinnen und Schülern etwas zutraue und ihnen zugleich etwas zumute. Wer nichts fordere, könne auch nichts fördern. Man müsse wieder selbstbewusster über Leistung sprechen, ohne dabei zu vergessen: Wo die Startbedingungen schlecht seien, müsse die Schule gezielt unterstützen. Chancengleichheit heiße nicht, alle gleich zu behandeln, sondern jedem das zu geben, was er brauche.

Umso unverständlicher sei es, dass ausgerechnet im Bildungsbereich immer wieder der Rotstift angesetzt werde. Während bei Lehrkräften, Ausstattung und Unterstützungssystemen gespart werde, leiste sich das Land gleichzeitig andere Ausgaben – etwa 800.000 Euro für ein neues Landeslogo. Das sei ein Symbol für falsche Prioritäten. Denn eines müsse klar sein: Wer bei der Bildung spare, spare nicht für die Zukunft sondern an der Zukunft.
Und es sei zu befürchten, dass es damit nicht getan sei. Es mehrten sich die Anzeichen, dass als Nächstes auch bei den Gymnasien finanzielle Kürzungen drohten. Das wäre das falsche Signal zur falschen Zeit.

Promny richtete die folgenden Forderungen an die Landesregierung:

Abschließend zog er das Fazit: Bildungspolitik darf sich nicht in Symbolpolitik erschöpfen. Sie muss dort investieren, wo Zukunft entsteht: in den Klassenzimmern, bei den Lehrkräften und bei den Kindern, die auf Unterstützung angewiesen sind. Alles andere ist – im wahrsten Sinne des Wortes – gespart an der falschen Stelle.

Zierer: Weniger Akademisierung, mehr berufliche Bildung

Den Hauptvortrag des Vormittags hielt Prof. Dr. Klaus Zierer, Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Er warnte vor einer sich zuspitzenden Bildungskrise in Deutschland, die er als ernsthafte Gefahr für den Wirtschaftsstandort einstuft. Sein zentrales Argument: Da Deutschland kaum über nennenswerte Rohstoffvorkommen verfüge, sei die Bildung und Leistungsfähigkeit seiner Bevölkerung das wichtigste Kapital des Landes. Die empirische Bildungsforschung belege einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit – wenn nun zur ohnehin schwierigen wirtschaftlichen Lage noch ein sinkendes Bildungsniveau hinzukomme, entstehe daraus ein echtes Standortrisiko.

Diagnose: Zierer stützte seine Analyse auf Leistungsstudien wie PISA und die IQB-Erhebungen, die seit Jahren rückläufigen Schülerkompetenzen zeigen, während gleichzeitig die Abiturnoten immer besser ausfallen. Diesen Widerspruch bezeichnete er als „Bildungslüge“: Die Anforderungen seien schrittweise gesenkt worden, sodass gute Noten nicht mehr die tatsächliche Leistungsfähigkeit widerspiegeln. Mittlerweile erreiche mehr als ein Drittel der Kinder nicht einmal die Mindeststandards in den Grundkompetenzen Rechnen, Lesen und Schreiben. Zusätzlich verschlechtere sich die psychosoziale Situation vieler Kinder und Jugendlicher: Depressionen, Vereinsamung, Suizide und gesundheitliche Probleme wie Übergewicht nähmen zu.

Ursachen: Als wichtigste Gründe für den Bildungsnotstand benannte Zierer drei Faktoren: die Digitalisierung, die enorme Ressourcen binde; die notwendige, aber zugleich herausfordernde Migration sowie einen „Gleichheitswahn“, der dem Bildungssystem schade, indem Herausforderungen systematisch aus dem System genommen würden.

Folgen: Neben der wirtschaftlichen Bedrohung sieht Zierer auch die Demokratiefähigkeit der Gesellschaft gefährdet – denn eine funktionierende Demokratie sei auf Menschen angewiesen, die lesen, verstehen, argumentieren und kritisch hinterfragen können. Sinkt das Bildungsniveau, gehen auch diese Fähigkeiten verloren.

Zierer schlug drei Wege aus der Krise vor:

  1. Weniger Akademisierung, mehr berufliche Bildung – der „Akademisierungswahn“ schade sowohl der dualen Berufsausbildung (durch verschärften Fachkräftemangel) als auch dem Hochschulstudium (durch inflationäre Abschlüsse und sinkendes akademisches Niveau).
  2. Weniger Konstellationen, mehr Situationen – statt Bildung durch kleinschrittige Vorgaben und einen übertriebenen Glauben an empirische Steuerung zu reglementieren, brauche es wieder echte Handlungsspielräume; Schulen müssten als lebendige Lern- und Lebensräume verstanden werden.
  3. Weniger Ideologie, mehr Demokratie als Lebensform – die Bildungspolitik habe sich zu stark auf einzelne Kernfächer fokussiert und dabei Werte, Haltungen und Tugenden aus dem Blick verloren, die für eine demokratische Gesellschaft essenziell seien.

Lösel: Leistungsprinzip und Chancengleichheit in einem sich wandelnden Bildungssystem

Nach der Mittagspause sprach der Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Bildung, Kultus und Chancen (HMKB), Dr. Manuel Lösel. In seiner Begleitung befand sich Frau Dr. Annette Petri, Leiterin des Referats für Gymnasien, Auslandsschulwesen und berufliche Orientierung im HMKB. Herr Dr. Lösel stellte die folgenden drei Fragen:

Eine zentrale Frage der Bildungspolitik lautet: Wie handhaben wir unterschiedliche Voraussetzungen? Die Antwort kann nur sein, dass Schule genau dort aushelfen muss, wo sozio-ökonomische Voraussetzungen das Leistungsprinzip hemmen. Es geht darum, faire Bedingungen zu schaffen – nicht darum, aus Mitgefühl Noten gleichzumachen und damit Leistungsunterschiede zu verschleiern. Denn Leistungsprinzip und Chancengleichheit sind keine Widersprüche, sondern bedingen einander: Erst wenn faire Startbedingungen geschaffen werden, kann Leistung auch fair beurteilt werden.

Wie das konkret aussehen kann, zeigen bewährte Instrumente: Vorlaufkurse in Deutsch helfen Kindern mit Sprachdefiziten, den Anschluss zu finden, bevor sie regulär eingeschult werden. Intensivklassen für Geflüchtete ermöglichen es, gezielt sprachliche und fachliche Grundlagen zu vermitteln, ohne das Leistungsniveau der Regelklassen abzusenken. Solche Angebote sind kein Widerspruch zum Leistungsprinzip, sondern dessen notwendige Voraussetzung.

Damit stellt sich die weiterführende Frage: Wie soll das Leistungsprinzip am Gymnasium in einem mehrgliedrigen Schulsystem aufrechterhalten werden? Klar ist: Es darf keinen Wettbewerb zwischen den Schulformen geben. Stattdessen braucht es eine echte Gleichwertigkeit von akademischer und handwerklicher Bildung – beide Wege müssen als gleich wertvoll anerkannt werden, nicht als Rangfolge von „besser“ und „schlechter“.

Dazu gehört auch echte Durchlässigkeit: Der Übergang nach der vierten Klasse in die fünfte darf kein endgültiges Urteil über den weiteren Bildungsweg eines Kindes sein. Bildungsbiografien müssen korrigierbar bleiben.

Ein Beispiel für gelebte Gleichwertigkeit ist die duale Ausbildung, die zu Recht als Bildungsleuchtturm Deutschlands gilt, weil sie schulische und praxisorientierte Elemente miteinander verbindet. Sie zeigt, dass Exzellenz nicht nur akademisch, sondern auch praktisch erreicht werden kann.

Damit Leistung überhaupt fair beurteilt werden kann, müssen Anforderungen transparent gestaltet werden. Schülerinnen und Schüler sowie Eltern müssen nachvollziehen können, woran eine Bewertung gemessen wird. Nur so lassen sich faire Aussagen über die erbrachte Leistung treffen. Und: Es darf keine Diagnostik ohne Datenerhebung geben – wer über den Leistungsstand von Schülerinnen und Schülern sprechen will, muss sich auf belastbare Daten stützen können, nicht auf Vermutungen oder Eindrücke. Hier kooperiert das HMKB aktuell mit adaptiven Mathematik-Lernsystem „bettermarks“.

Eine der drängendsten Zukunftsfragen betrifft den Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Klar ist: Schülerinnen und Schüler müssen die Folgen der KI für das eigene Denken verstehen. Es reicht nicht, KI-Werkzeuge zu nutzen – junge Menschen müssen begreifen, welche Kompetenzen sie selbst weiterhin einüben müssen, damit KI das eigenständige Denken unterstützt und nicht ersetzt. Die Fähigkeit zum selbstständigen Denken muss erhalten bleiben.

Der Staatssekretär zog abschließend das Fazit, dass ein zukunftsfähiges Bildungssystem Leistungsanspruch mit echter Chancengleichheit verbindet, akademische und handwerkliche Bildungswege als gleichwertig anerkennt und junge Menschen darauf vorbereitet, in einer von Künstlicher Intelligenz geprägten Welt eigenständig denken zu können.

Fazit

Nach jedem Vortrag gab es großen Applaus für die Vortragenden. Es bestand jeweils die Möglichkeit, ihnen Fragen zu stellen. So wurde Staatssekretär Dr. Lösel, der in seinem Vortrag die Validität der Aussagen von Grundschullehrkräften über den weiteren Bildungsweg von Schülerinnen und Schülern sehr betont hatte, beispielsweise gefragt, warum Hessen im Gegensatz zu Berlin und Baden-Württemberg nicht das verpflichtende Grundschulgutachten für den Übergang auf die weiterführende Schule einführe. In seiner Antwort verwies er auf den Willen des Koalitionspartners, der dies in den Koalitionsverhandlungen nicht zugestanden habe.

Am Ende der Veranstaltung dankten Annabel Fee und Thorsten Rohde den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ihre engagierten Diskussionsbeiträge sowie Frau Ries und Frau Hintze von der Geschäftsstelle für deren Beitrag an der Organisation der Veranstaltung. Sie wünschten allen einen guten Nachhauseweg. Der nächste Gymnasialtag wird voraussichtlich am 15. September 2027 wieder im „Haus am Dom“ in Frankfurt stattfinden.

Boris Krüger, Chefredakteur von Blickpunkt Schule

 

 

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