Digitale Vertreterversammlung des Hessischen Philologenverbandes: Vielfalt in der Schullandschaft erhalten. Gymnasiales Profil schärfen.

Am 1. Juni fand von 14.00 bis 18.00 Uhr die Vertreterversammlung des Hessischen Philologenverbandes, der Interessenvertretung der hessischen Gymnasiallehrkräfte an Gymnasien, Gesamtschulen und anderen Schulen mit gymnasialem Bildungsangebot, statt. Auf Grund der Corona-Pandemie wurde diese als „Hybrid-Veranstaltung“ durchgeführt. Der geschäftsführende Vorstand und die Vorsitzenden der Ausschüsse waren in Präsenz bei dem Technikanbieter „tividoo“ in Langenlonsheim vor Ort. Auch der Kultusminister war aus Wiesbaden gekommen und konnte live und in Präsenz seine Rede halten. Die Sitzung wurde gestreamt und die angemeldeten Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren online zugeschaltet.

Per Videochat-Funktion gab es die Möglichkeit, sich zu Wort zu melden, parallel konnten schriftliche Fragen gestellt werden. Rund 100 Delegierte waren über die Dauer von vier Stunden bei der VV eingeloggt und entschieden über vier Resolutionen zu den Themen „Lesen stärken – Sprachschatz stärken!“, „Fördermaßnahmen zur Kompensation“, „Microsoft Teams und der Datenschutz: Kultusminister verschläft Brisanz“ sowie „Lehrergesundheit“. Entschieden wurde auch, dass die Beschlussfassung über zahlreiche der eingereichten Anträge auf die nächste in Präsenz stattfindende Vertreterversammlung (geplant am 18. November in Fulda) verschoben wird.

 

 

 

 

 

Das neue Format hat alle Beteiligten vor Herausforderungen gestellt.  Auf Grund technischer Probleme vor Ort musste mehr als gedacht improvisiert werden. Unser besonderer Dank geht an den Sitzungsleiter Bert Thieme, der souverän und wortgewandt die technischen Unwägbarkeiten ‚umschifft‘ hat und wesentlich zu dem letztlich guten Verlauf beigetragen hat.

Kultusminister Prof. Dr. Lorz ging in seiner Rede schwerpunktmäßig auf die letzten fünfzehn „Corona-Monate“ ein. Er stellte die positive Entwicklung hinsichtlich der technischen Ausstattung der Schulen heraus und verkündete die „gute Botschaft“, dass es wegen der gesunkenen Inzidenzzahlen in Kürze wieder in ganz Hessen für alle Jahrgangsstufen in den eingeschränkten Regelbetrieb gehen werde. Um die Sicherheit des Schulbetriebes zu gewährleisten, habe die Masken- und Testpflicht an den Schulen noch lange Bestand. Auch das nächste Schuljahr werde voraussichtlich noch im Zeichen der Pandemie stehen inklusive der mittlerweile etablierten Hygienemaßnahmen. Lorz betonte die Vorteile der digitalen Möglichkeiten des Unterrichtens zum Beispiel über Videokonferenzen. Diese werden nie Ersatz des Präsenzunterrichtes sein, jedoch könnten sie sehr wohl auch zukünftig als pädagogisches Instrument gezielt eingesetzt werden.

Minister Lorz thematisierte in seiner Rede auch das Landesabitur, das aus seiner Sicht sehr positiv verlaufen sei. Die regulären Prüfungen konnten stattfinden, sodass keine Rede von einem „Not-Abitur“ sein könne.  Er bedankte sich bei allen Lehrkräften für ihren Einsatz und stellte fest, dass die regulären Prüfungen ohne deren besonderen Einsatz nicht möglich gewesen wären.

Für die Kompensation fehlender Lerninhalte und die Aufholarbeit im nächsten Schuljahr sei seitens des Hessischen Kultusministeriums ein besonderes Programm entwickelt worden: „Löwenstark – der BildungsKICK“. Prof. Lorz konstatierte, dass Hessen zusätzlich zu den zugesagten Hilfen des Bundes weitere finanzielle Mittel in die Hand nehmen werde, um Kompensationsmaßnahmen in Form von Förderkursen, Zusatzunterricht und Lernbegleitung durch qualifiziertes Personal an den Schulen zu ermöglichen. Das Geld werde nicht an private Fortbildungsinstitute fließen, sondern direkt an die Schulen ausgegeben. Primär solle es darum gehen, leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler wieder in die bestehenden Lerngruppen zu integrieren. In einem nächsten Schritt solle es dann auch um Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler gehen. Für diese Förderungsmaßnahmen seien individuelle Lernstandserhebungen von zentraler Bedeutung, so Kultusminister Lorz, standardisierte Tests für ganz Deutschland seien nicht zielführend.

Ein weiteres Thema, auf das der Minister kurz einging, waren die „pädagogischen Versetzungen“, die es in diesem Schuljahr erstmalig geben werde. Eine Versetzung könne in besonders begründeten Ausnahmefällen auch ohne Ausgleich nicht ausreichender Leistungen erfolgen, wenn besondere Umstände vorliegen, die die Schülerin oder der Schüler auch vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie nicht zu vertreten habe. Der Kultusminister bezeichnete diese Variante als einen „ausgewogenen Kompromiss im Vergleich zum letzten Jahr mit pauschalen, undifferenzierten Lösungen“. Dieser Möglichkeit der Versetzung stehen viele Lehrkräfte jedoch eher ablehnend gegenüber, was auch in der sich anschließenden Diskussion mit den online zugeschalteten Teilnehmerinnen und Teilnehmern deutlich wurde.

Nach der Rede von Prof. Lorz schloss sich der Bericht des Vorsitzenden, Reinhard Schwab, an. Er formulierte sehr deutlich an, dass der Wissenserwerb, die Persönlichkeitsentwicklung und die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen ohne den „Lebensraum Schule“ massiv gelitten hätten. Begrüßt werde seitens des Philologenverbandes, wenn das HKM das nächste Jahr zum Schuljahr der Kompensation ausrufe. Geld müsse unbedingt in den Unterricht gehen, so zum Beispiel für Lehrerstunden eine Stunde mehr in den Klassen 7 bis 11 in den Hauptfächern. Zwingend notwendig seien überdies kleinere Klassen für effektiveren Unterricht.

Schwab betonte, dass die kritische, gleichwohl zugewandte Distanz des Verbandes zum HKM sich bewährt habe, jedoch bleibe die Kritik bestehen, dass ministerielle Vorgaben chronisch zu spät kamen und Nachregelungen allzu oft notwendig waren. Der Philologenverband wünsche sich oftmals mehr politischen Mut und Entschlossenheit und insbesondere weniger Verspätung in der Kommunikation mit der Basis. „Das HKM sollte durch regelmäßigen Kontakt mit den Verbänden und der Basis den Eindruck verhindern, selbst in einer Blase zu leben“, stellte Schwab sehr deutlich fest. „Betroffene müssen eingebunden werden, um Entwicklungen voranzutreiben und gemeinsam zu evaluieren.“

Weiterhin ging der Vorsitzende auf das Motto der VV „Vielfalt in der Schullandschaft erhalten – gymnasiales Profil schärfen“ ein und bezweifelte, dass das Einebnen der Schullandschaft Bildungsqualität generieren werde. Es komme auf lernförderliche Bedingungen in den Klassenräumen an, wobei an erster Stelle die Verkleinerung der Klassen stehen müsse. Weiterhin seien gute Konzepte und durchdachte Bildungspläne vonnöten mit begrenzt heterogenen Lerngruppen, der wissenschaftlichen Fundierung des Unterrichts, einem leistungsorientierten Unterricht auf dem Weg zur allgemeinen Hochschulreife sowie Noten, die den tatsächlichen Leistungsstand spiegeln.

Im weiteren Verlauf der Vertreterversammlung stellten sich die beiden Kandidaten für die Nachwahl des stellvertretenden Vorsitzenden, Ralph Hartung und Thorsten Rohde, vor und beantworteten Fragen der Mitglieder. Die Nachwahl erfolgt nach der Vertreterversammlung per Briefwahl. Dazu erhalten alle Delegierten entsprechende Formulare per Post mit dem Termin der erforderlichen Rück­sendung. Die schriftliche Vorstellung der beiden Kandidaten erfolgte bereits in „Blickpunkt Schule 2/2021“.

Dr. Iris Schröder-Maiwald

 

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