Schulsystem-Debatte im Schatten der Coronapandemie – Warum wir für unser bewährtes Schulsystem kämpfen müssen!

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,
wenn wir den Publikationen einer bekannten Bildungsgewerkschaft glauben, dann ist Vieles ganz einfach und vor allem ganz klar:
Es „herrscht Stillstand auf dem Feld der Strukturreform“. Um „ein demokratisches Schulsystem für alle“ (!) zu erreichen, „brauchen wir ein integriertes Schulsystem“ [1]. Weiter heißt es: Wir haben „mit jeder Schulart des gegliederten Systems ein Problem, schließlich [wollen wir] eine Schule für alle Kinder!“[2]

Was bedeutet das? Das bedeutet, dass die angeblich „verdrängte [!] und tabuisierte [!!] Schulstrukturfrage wieder in den Fokus“ gerückt werden soll. Die „Einheitsschule für alle Kinder“, wie sie angeblich bereits in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Pädagogen skizziert worden sei, ist das Ziel. Daran anknüpfend soll „die eine inklusive Schule für alle Kinder endlich überall Realität“ werden.[3]

Endlich soll „die Dreigliedrigkeit des deutschen Schulsystems (…)“ [es war nie nur dreigliedrig, Anm. d. Verf.], welche „als überkommenes Relikt des wilhelminischen Kaiserreiches kritisiert“ wird, überwunden werden. Dass diese Kritik „zutreffend [sei,] wie die Kritik an neoliberal inspirierten Bildungsreformen“ generell, wird klar formuliert.[4]

Die Debatte um die Digitalisierung soll hierbei als Mittel zum Zweck dienen: „Die Personalisierung im Sinne digital gestützten Lernens und Lehrens (…) kann Schulformen und -arten vielleicht sogar überflüssig machen. Dann hat sich die ‚Schulstrukturdebatte‘ (…) erledigt“. Es ginge „im Übrigen gar nicht um die Abschaffung des Gymnasiums, sondern um dessen ‚Aufhebung‘“, heißt es dialektisch, wobei sich sogar auf Hegel (!) berufen wird. Dieses Ziel müsse man sich „erkämpfen“.[5]

Dass die zitierten Akteure und ihre Unterstützer kämpfen, steht außer Frage. So berichtet die Bundesvorsitzende der genannten Gewerkschaft stolz, wie sie auf dem 8. Weltkongress der Bildungsinternationalen im Konsens mit allen Teilnehmern – und eingebettet in eine Delegation, die „gut gegendert“ war – für „Bildung statt Bomben“ votierte. Auftrag dieses „Weltkongresses“ sei es gewesen, „Druck auf [die] Regierungen auszuüben, um (…) das Recht auf Freiheit, Gerechtigkeit und Inklusion“ durchzusetzen.[6] Weniger Messianismus war offensichtlich nicht möglich.

Wenn aber dieser Kampf zum Erfolg führt, dann ist unser bewährtes Schulsystem am Ende. Wer hier „Übertreibung!“ ruft, den kann ich nicht verstehen. Es wird nicht von Reformen gesprochen. Das Ziel ist die Einheitsschule! Es spielt anscheinend keine Rolle, dass Studien immer wieder deren Scheitern bestätigen.[7]

Auch die gut arbeitenden, hochspezialisierten und von den Eltern sehr geschätzten Förderschulen wären dann überflüssig. Sie gingen im Rahmen der totalen Inklusion in der Einheitsschule auf. Lehrkräfte würden dann Lehrkräfte für alle Schüler sein. Die Einheitsausbildung, die Einheitslehrkraft und die Einheitsbesoldung würden folgen. Alle sollen dann alles machen, überall, für alle. Das kann nicht funktionieren. Es würde die schwächeren Schülerinnen und Schüler am härtesten treffen und auch die Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom Elternhaus nicht verringern. Aber auch begabte Schülerinnen und Schüler könnten ihr Potential nicht voll entfalten. Das sich eine verantwortungsvolle Gesellschaft ein solches Bildungssystem nicht leisten kann, liegt auf der Hand.

Wofür der Hessische Philologenverband steht, ist bekannt: Ein gegliedertes, durchlässiges, allen Begabungen gerecht werdendes Schulsystem, das auf Förderschulen setzt, die vom einzelnen Kind und dem Willen der Eltern ausgehend gezielt und professionell die Schülerinnen und Schüler unterstützen, die dieser Unterstützung bedürfen.

Lassen Sie uns gemeinsam dafür kämpfen, dieses bewährte Modell zu erhalten und es für die Herausforderungen der Zukunft weiterzuentwickeln! Wählen Sie nächste Woche den dlh!

Thorsten Rohde, Stv. Bezirksvorsitzender Gießen, März 2021

[1] Ilka Hoffmann, GEW Vorstandsmitglied Schule, Erziehung und Wissenschaft, 01/2020, S. 36.

[2] Jürgen Stahl, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Gymnasien, Erziehung und Wissenschaft, 06/2019, S. 24.

[3] Ilka Hoffmann, Erziehung und Wissenschaft, 10/2019, S. 30ff.

[4] Dr. Roman George, Referent für Bildungspolitik GEW Hessen, LiV Spektrum 2019, S.34.

[5] Prof. Hans-Günther Rolff, Erziehung und Wissenschaft, 10/2019, S. 32ff.

[6] Marlis Tepe, Erziehung und Wissenschaft, 10/2019, S. 27.

[7] Vgl. Esser und Seuring 2020, Kognitive Homogenisierung, schulische Leistungen und soziale Bildungsungleichheit.

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