Deutscher Philologenverband erwartet von den Kultusministern zum Schulbeginn nach den Sommerferien vorrangig dreierlei

Schutz der Lehrkräfte, wissenschaftlich-fachlich durchdachte Konzepte für Schule und Unterricht und eine Steigerung der Ressourcen, um diese Ziele zu erreichen
Schutz der Lehrkräfte
„Schützen statt Demoralisieren!“ – das ist die erste Forderung, die der Deutsche Philologenverband im Interesse der Lehrkräfte an die Kultusminister der Länder richtet. Datenschutzbeauftragte beginnen in verschiedenen Ländern insbesondere gegen diejenigen Lehrkräfte zu ermitteln, die in der ersten Corona-Phase angesichts fehlender digitaler Infrastruktur mit eigenen IT-Bordmitteln – und aus heutiger Perspektive möglicherweise nicht immer datenschutzkonform – digitalen Kontakt zu ihren Schülern aufbauten, um den persönlichen und inhaltlichen Austausch mit ihnen zu ermöglichen.

„Gerade diejenigen Lehrkräfte nun zu verfolgen, die das getan haben, was alle von ihnen verlangten, nämlich digitalen Kontakt zu Schülern in der Corona-Zeit aufzubauen, ist absolut kontraproduktiv, es demoralisiert und kann nur dazu führen, in Zukunft ausschließlich Dienst nach Vorschrift zu machen. Das will keiner. Deshalb fordert der Deutsche Philologenverband die Kultusminister auf, sich vor ihre Lehrkräfte zu stellen, ihren Ministerkollegen in den Innenministerien mit den Datenschutzbeauftragten entgegenzutreten und zukünftig für Rechtssicherheit zu sorgen!“, so die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing.

Zum Schutz aller in der Schule Anwesenden gehört es weiterhin, regelmäßige, freiwillige Corona-Reihentestungen vorzuhalten, „Visierschutz“ in den Klassenzimmern zur Verfügung zu stellen, die Klassengrößen zu reduzieren sowie Risikopersonen zu schützen.

Konzepte für Schule und Unterricht unter Corona-Bedingungen
Für den Schulstart nach den Sommerferien sind schulartspezifische Szenarien für die Beschulung und Unterrichtung der zehn- bis 20-jährigen Schüler an den weiterführenden Schulen zu entwickeln, die dem unterschiedlichen Infektionsrisiko von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Rechnung tragen und nicht nur an den bisherigen Untersuchungen zu Kindern orientiert sind. Abiturienten sind Erwachsene!

In diesem Zusammenhang fordert der Deutsche Philologenverband zweitens von der Kultusministerkonferenz auch unter diesen besonderen Bedingungen einen sorgsamen Umgang mit Fachlichkeit unter Hinzuziehung wissenschaftlicher Expertise und dem Institut für Qualitätssicherung im Bildungswesen, dem IQB, und erwartet daher Folgendes:

– Keine Senkung der fachlichen Standards durch Corona, sondern eine konsequente Orientierung an den bereits vollzogenen Änderungen der Bildungsstandards durch die Kompetenzorientierung, dafür aber mehr Wahloptionen bei der Auswahl aus einer höheren Anzahl von Prüfungsaufgaben für das Abitur durch die Lehrkräfte.

– Gute fachspezifische digitale Fortbildungsangebote und Webinare von Bund und Ländern, die von Lehrkräften freiwillig über das ganze Jahr wahrgenommen werden können, und die die Erfahrungen der Corona-Krise reflektieren.

– Endlich die Einberufung eines kontinuierlichen wissenschaftlichen Beirats für die KMK, in dem eine Kerngruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen (und auch die Leitung des IQB) vertreten ist, die je nach Thema und Aufgabenstellung mit weiteren gesellschaftlichen Gruppen, u.a. den Lehrerverbänden, in den Austausch tritt.

Der Deutsche Philologenverband hatte Ende letzten Jahres alle Ministerpräsidenten angeschrieben mit der Bitte, nach dem Ende des „Nationalen Bildungsrates“ durch die Ministerpräsidenten einen wissenschaftlichen Beirat der KMK zu befördern, der sich inhaltlich und strategisch mit dem Thema „Digitalisierung“ für die schulische Bildung auseinandersetzt – dies am besten in Zusammenarbeit mit der Staatsministerin für Digitales des Bundes und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Sache gebietet diese notwendige Zusammenarbeit sowieso, aktuell wird die Notwendigkeit eines solchen Vorgehens aber evident. „Wir leben jetzt mit Corona und brauchen ein reflektiertes integrales Miteinander von Präsenzunterricht mit besserer digitaler Unterstützung und – bei Hot-Spot-Infektionen in Schulen – einen besseren digitalen Fernunterricht. Nicht nur dies sollte in der Verantwortung der KMK nun endlich auch wissenschaftlich begleitet werden“, macht Lin-Klitzing deutlich.

Steigerung der Ressourcen
Zur Ermöglichung eines gleichermaßen sicheren wie verlässlichen und qualitativ hochwertigen Unterrichts nach den Sommerferien fordert der Deutsche Philologenverband daher drittens von den Kultusministern eine Steigerung der verfügbaren Ressourcen für:

– digitale Endgeräte für Lehrkräfte, Leihcomputer für Schüler, Dienstemailadressen für Lehrkräfte, eine datenschutzkonforme digitale Infrastruktur mit Lernplattform und Videokonferenzsystem und IT-Systembetreuern in jeder Schule. Für diese Instandsetzungen müssen die Sommerferien genutzt werden,

– die Senkung der Klassengrößen auf 20 Schüler,

– die Verlängerung des Lehramtsreferendariats auf 24 Monate, so wie es ursprünglich in jedem Land üblich war, und die Einstellung der jetzt ausgebildeten Referendare zu Beginn der Sommerferien und nicht erst zum neuen Schuljahr, damit Referendare im System Schule im Rahmen der vielen zusätzlichen Aufgaben in Zeiten von Corona (z.B. für ergänzende Förderangebote für Schülerinnen und Schüler) regulär und regelmäßig eingesetzt werden können,

– die Einstellung einer Lehrkräfte-Reserve.

DPhV-Pressemeldung vom 17.06.2020

 

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