Kerngeschäft Unterricht stärken

Philologen erkennen Maßnahmen des Kultusministeriums an, sehen Schulen aber als ,Reparaturbetrieb‘ missbraucht.
In seiner traditionellen Presseerklärung zum neuen Schuljahr weist der Kultusminister wie jedes Jahr ebenso traditionell auf die Erfolge der schwarz-grünen hessischen Landesregierung im bildungspolitischen Bereich hin. „Zum Beginn des neuen Schuljahres zeigt sich verstärkt, wie unsere Maßnahmen für eine ständig zu verbessernde Unterrichtsversorgung und die Investitionen in die Aus- und Weiterbildung greifen“, so der Minister. Mit den neuen Schwerpunkten im Schuljahr 2019/20 wie Digitalisierung, Ganztagsausbau sowie neuen Förderangeboten wie den Familienklassen sollen Hessens Schulen „fit für die Zukunft“ gemacht werden.

Diese Maßnahmen erkennen die hessischen Philologen sehr wohl an und begrüßen die Entscheidungen des Ministeriums, sind jedoch zunehmend in Sorge, dass die Kernaufgaben der Schule marginalisiert und dass insbesondere die Wissensvermittlung und die fundierte Allgemeinbildung unwichtig werden.

Angesichts der schwierigen Situation im Grundschulbereich gerade in Bezug auf Inklusion und Integration, für die auch die Bildungspolitik die Verantwortung trägt, gewinnt man den Eindruck, dass das Ministerium die Gefahr eines Bildungs-Kollapses am Horizont sieht. Lehrkräfte in den Schulen erfahren tagtäglich die belastende Heterogenität der Schülerschaft, besonders in der Grundschule. Die Frage stellt sich aber, was Schule noch alles leisten soll. So scheint es, als ob sich die hessische Landesregierung zu dem Anspruch versteigt, Schule als ‚Reparaturbetrieb‘ für alle sozialen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten definieren zu können.

Wenn die ministeriellen Maßnahmen zur Verbesserung der Unterrichtsbedingungen sowie der konkreten Situation in den Lerngruppen dienen, sind sie zu begrüßen. Allerdings scheint dem Kultusministerium auf halbem Wege die Luft – oder das Geld – ausgegangen zu sein. Um gerade auch die weiterführenden Schulen mit ihren spezifischen Ausprägungen und Ansprüchen konzeptionell auf die Zukunft auszurichten, fehlte offensichtlich die ministerielle Energie.

Bei allem Verständnis für Probleme der Integration muss Politik vor allem an der Weiterentwicklung von Bildung interessiert sein. Gymnasiale Unterrichtsentwicklung muss Thema sein, Fragen der Lernwirksamkeit von Unterricht, auch pädagogische Nöte des gymnasialen Bildungsganges, der sich nach wie vor als anspruchsvoll versteht, müssen angegangen werden; die Digitalisierung ist nur ein Teilbereich. Ministerielles Lob für immer breitere Abiturjahrgänge und immer bessere Noten – einmal im Jahr – reicht nicht aus.

HPhV- Pressemeldung vom 09.08.2019

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