Stellungnahme zum Entwurf des zweiten Gesetzes zur Änderung des Hessischen Lehrerbildungsgesetzes

Überarbeitung der Inhalte und Ziele der Lehrkräftebildung
Die Neuformulierung orientiert sich u.a. an bildungspolitischen Herausforderungen, etwa dem gewachsenen Integrationsbedarf mit besonderen sozialpädagogischen Aufgaben. Des Weiteren bleibt es dringend notwendig, in der Schülerschaft Sprachbildung und Bildungssprache zu stärken. Auch der konsequente Aufbau digitaler Kompetenzen auf Seiten der Lehrkräfte muss forciert werden. Gerade der letzte Aspekt erfordert eine bessere Vernetzung der universitären Ausbildung, des Vorbereitungsdienstes und der beruflichen Weiterbildung.

Grundsätzlich ist die Überarbeitung unstrittig, sofern sie dem professionellen Handeln von Lehrkräften  und damit der Qualitätssicherung im Bildungsbereich dient. Fachlichkeit und Methodik müssen im richtigen Verhältnis zueinanderstehen, wobei Erstere nicht ins Hintertreffen geraten darf. Letztendlich geht es um die pädagogisch-didaktische ,Modellierung‘ des universitären Fachwissens.

Einführung des Praxissemesters

Den Wegfall des Orientierungspraktikums und die verpflichtende Absolvierung eines Grundpraktikums in der ersten und eines Praxissemesters in der zweiten Studienhälfte (HLbG 15,1+3) bewertet der hphv ambivalent. Das Orientierungspraktikum hat sich in der Praxis als wenig gewinnbringend und somit als verzichtbar erwiesen, da es weder professionell begleitet noch ausreichend reflektiert wurde. Das Praxissemester, das ursprünglich im 2. oder 3. Semester stattfinden sollte, ist in der 2. Studienhälfte deutlich besser aufgehoben, wenn die Studierenden pädagogisch und fachlich mehr Erfahrung haben. Jedoch ist die Ausgestaltung des Praxissemesters zu konkretisieren. Dessen Erfolg hängt entschieden von der guten Betreuung ab. Unklar bleibt u.a., ob es in nur einem Unterrichtsfach absolviert wird.
Kritisch zu reflektieren wäre der Gedanke, ob die umfangreiche Zeit an der Schule während des Praxissemesters zu Lasten der fachlichen Ausbildung an den Universitäten geht. Zudem ist fraglich, ob die Kooperation so vieler Partner (HLbG 15,6-7) funktioniert.

Klausuren der Ersten Staatsprüfung (Studium)

Durch die Verankerung einer Ermächtigungsgrundlage können qua Rechtsverordnung hessenweit in den Klausuren der 1. Staatsprüfung zentrale  Aufgabenstellungen eingeführt werden (HLBG 22,2). Durch diese mögliche Vereinheitlichung der Aufgabenstellung werden individuelle Studienverläufe und Schwerpunktsetzungen nicht mehr berücksichtigt. Die Prüfungen würden an Individualität und Flexibilität verlieren, was im Bildungsbereich jedoch angestrebt werden soll.

Module im pädagogischen Vorbereitungsdienst

Beim Nichtbestehen eines Moduls und dessen Modulprüfung ist der/die LiV weiterhin komplett durchgefallen (HLBG 53,4). Der hphv begrüßt den Fortbestand dieser Regelung, weil es sonst noch schwerer wäre, jemand Untauglichen aus dem Vorbereitungsdienst zu entfernen.
Dass Lehrveranstaltungen (HLBGDV 44,1), Examenslehrproben (HLbGDV 50,14) und mündliche Prüfungen (HLBGDV 51,3) bei Fällen höherer Gewalt auch in elektronischer Form möglich sein sollen, bewertet der hphv als zeitgemäße Anpassung der Ausbildung an die Erfordernisse der Corona-Pandemie. Jedoch sind im Vorfeld die individuellen technischen Voraussetzungen der LiV zu prüfen, um Komplikationen während der digitalen Prüfung auszuschließen.

Hingegen  kritisiert er die Neuregelung, dass zwei Module nicht mehr von einem Ausbilder in einem gekoppelten Unterrichtsbesuch (in sog. ,,Personalunion“) abgeprüft werden können und nur noch maximal ein Unterrichtsbesuch pro Modul gekoppelt werden darf (HLbGDV 44,6). Er fordert, dass die frühere Regelung fakultativ beibehalten wird. Kopplungen sind manchmal sinnvoll und eher wünschenswert hinsichtlich der Verflechtungen der Module und in Vorbereitung auf die Lehrproben, in denen ohnehin ganzheitlich (Kombination aller Module) geprüft wird. Außerdem befreien Kopplungen von hoher Termindichte. Bei der geplanten Regelung wird zudem die Terminabsprache und -findung erschwert.

Unterrichtsentwürfe (Vorbereitungsdienst)

Die maximale Länge eines Unterrichtsentwurfs wird auf acht bzw. zwölf Seiten festgelegt (HLbGDV 44,6). Das HLbGDV lässt allerdings vermissen, was unter „Unterrichtsskizze“ zu verstehen ist. Das dürfte abhängig von Studienseminar und Ausbildendem teilweise sehr unterschiedlich gehandhabt werden. Daher müsste hier eine Präzisierung durch das Gesetz oder durch die Hessische Lehrkräfteakademie stattfinden.

Abschaffung der Pädagogischen Facharbeit im Vorbereitungsdienst

Der hphv begrüßt die Abschaffung der pädagogischen Facharbeit (HLbG 40a, HLbGDV 46) in Pandemie-Zeiten; damit bleiben den Lehrkräften im Vorbereitungsdienst viel Arbeitszeit und -belastung erspart. Die Aufteilung der so gewonnenen Zeit auf zwei unbewertete Module (Erhöhung um jeweils zehn Zeitstunden) erachtet er für sinnvoll, bildet deren zeitlichen Aufwand jedoch nicht zur Gänze ab.
Auch die Aufteilung der Punkte für die pädagogische Facharbeit auf die acht benoteten Module, indem diese für die Bildung der Gesamtnote mit 1,25 multipliziert werden (HLbG 42,2), hält der hphv für eine gute Regelung. Bewusst sein muss dabei, dass sich jedoch der Notendruck bei den einzelnen Unterrichtsbesuchen erhöht!
Ein dauerhafter Wegfall der Pädagogischen Facharbeit wird Qualitätseinbußen in der Ausbildung Vorschub leisten, da damit die Chance auf eine intensivere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem pädagogischen Problem vergeben wird. Dies entspricht nicht dem gymnasial-kognitiven Anspruch. Außer Acht gelassen wird, dass der Betreuungsaufwand (Betreuung, Absprachen, Korrekturen, Gutachten etc.) seitens der Ausbildenden gänzlich entfällt. Nicht geregelt wird, ob sie stattdessen andere Aufgaben übernehmen sollen oder lediglich hinsichtlich ihres Arbeitsumfang entlastet werden.

Schulleitungsgutachten (Vorbereitungsdienst)

Es wird versäumt, das Schulleitungsgutachten genauer auszuschärfen (HLbG 42,1). Es gibt nach wie vor keine Kriterien für die Ermittlung und Vergabe von Punkten oder zum Verfahren der Erstellung. Diese sind umso dringender nötig, da vielerorts Willkür herrscht, welche eine Vergleichbarkeit ausschließt.

Portfolio (Vorbereitungsdienst)

Zwar musste auch bisher ein fortlaufendes Portfolio geführt werden (HLbG 2,3), weil die Reflexivität in der Ausbildung eine hohe Bedeutung hat. Neu ist die Regelung, dass es die Grundlage der mündlichen Prüfung im 1. Staatsexamen bilden kann (HLbGDV 27,4; HLBG 34,2) und im 2. Staatsexamen verbindliche Grundlage der Prüfung ist (HLbG 48). Hier hinterfragt der hphv kritisch, welche konkreten Inhalte ein solches Portfolio umfassen sollte. Außerdem erscheint eine unterstützende Kontrolle zur Absicherung, etwa durch den Ausbilder, sinnvoll, damit das Portfolio eine fachlich fundiert Prüfung ermöglichen kann.
Zudem ist nicht eindeutig geregelt, ob das Portfolio die Reflexion der Beratungsgespräche ersetzt und wie es darüber hinausgeht. In welcher Beziehung stehen schließlich Portfolio und Beratungsgespräche zueinander?
Ersetzt das Portfolio die bisherigen „Praxisschwerpunkte“, welche man bis dato als Grundlage für die schriftlich formulierte Aufgabe und das anschließende Kolloquium einreichte? So würden diese schriftlich formulierte Aufgabe und die 30-minütige Vorbereitung unter Aufsicht wegfallen. An deren Stelle tritt die 15-minütige Vorstellung der eigenen Entwicklung mittels Portfolio und anschließend ein Fachgespräch (HLbGDV 51,2-3). Ohne konkrete Ansatzpunkte wie bei einer schriftlich formulierten Aufgabe kann diese Änderung das Prüfgespräch beliebig wirken lassen.

Ermittlung der  Gesamtnote der 1. und 2. Staatsprüfung

Das Prädikat „Mit Auszeichnung bestanden“ soll nun erst ab einer Punktzahl von 291 statt bereits 290 Punkten vergeben werden, dafür „sehr gut bestanden“ bis zu einer Punktzahl von 290 statt 289 Punkten (HLbG Anlage 2). Die strengere Vergabe der besten Prädikatsstufe wird leider nicht näher begründet.

Quereinstieg in den Lehrberuf

Der hphv kritisiert, dass in Ausnahmefällen auch Personen mit einem Hochschulabschluss, aber mit weniger als fünf Jahren Berufserfahrung, als es bisher der Fall war, eine freie Lehrstelle erhalten können (HLbG 3,4-6), um dem Lehrkräftemangel entgegenzuwirken. Dies dürfte zu einer Absenkung des fachlichen Niveaus des Unterrichts sowie zu einer Entprofessionalisierung des Lehrerberufs führen. Da noch ausreichend ausgebildete Gymnasiallehrkräfte ohne Stellenangebot sind, sollten für diese mehr Beamtenstellen geschaffen werden, statt  lediglich TV-H-/VSS-Verträge vergeben und Quereinsteiger eingestellt werden.

 

 

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