Stellungnahme des HPhV: „Arbeitsbelastungen der Direktorinnen und Direktoren“ und „Belastungssituationen der Lehrkräfte“

Arbeitsbelastungen der Direktorinnen und Direktoren
Die Aufgaben der Schulleiterinnen und Schulleiter (SL) haben sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Eine Rolle als primus inter pares mit weitgehend pädagogischen Aufgaben hat sich zu einem Allround-Manager mit Personal-, Budget- und pädagogischer Verantwortung verändert. Dieser Tatsache trägt auch das Kultusministerium mit modularen Qualifizierungsmaßnahmen und einem grundlegend geänderten Auswahlverfahren Rechnung.

Gleichzeitig mit der Veränderung des Aufgabenfeldes wurden auch viele Verwaltungsaufgaben vom Ministerium und den Staatlichen Schulämtern auf die Schulleitungsebene verlagert. Beispielhaft seien hier genannt: Funktion des Dienstvorgesetzten, Budgetverwaltung, Vorbereitung aller Personallenkungsmaßnahmen in PPB, Durchführung von BEM-Gesprächen, Umsetzung der Schwerbehindertenrichtlinie, Wahrnehmung der Funktion des Strahlenschutzbeauftragten und des Arbeitsschutzbeauftragten.

In diesem Zusammenhang kam es zuletzt zu einer großen Erhöhung der Anzahl an verpflichtenden Schulleiterdienstversammlungen, da neben den regulären Terminen mit den Aufsichtsbeamten auch thematische (teils mehrtägige) Schulleiterdienstversammlungen in der Region und weitere durch das HKM durchgeführte Veranstaltungen angesetzt wurden. Oftmals werden hier schriftlich übersandte Informationen erneut mündlich vorgetragen und erläutert, der Zugewinn an Wissen ist gering.

Insgesamt ergibt sich aus der Vielzahl der Maßnahmen ein gegenüber früheren Jahren stark verändertes Berufsbild für Schulleiter. Jede einzelne dieser Maßnahmen wiederum ist mit neuen zeitlichen Belastungen verbunden. Diesen Belastungen wird seitens des Ministeriums allerdings nicht Rechnung getragen. Der Berechnungsschlüssel für Deputatsstunden ist im Bereich der Gymnasien im Gegensatz zu anderen Schulformen seit vielen Jahren unverändert.

Zwar besteht für SL grundsätzlich die Möglichkeit, Aufgaben zu delegieren, doch stehen auch dafür keine ausreichenden Deputate zur Verfügung. Der ständige Verweis des Ministeriums auf die 104-prozentige Versorgung der Schulen bedeutet in realen Zahlen für ein normal großes Gymnasium von 800 – 1000 Schülern de facto eine Ressource von  9 – 10 Lehrer-Wochenstunden, die im Verwaltungsbereich für alle Schulleitungsmitglieder verwandt werden können. Dies ist angesichts der Aufgabenfülle der Schulleitung allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. Nutzt die Schulleitung die Stunden für Verwaltungsaufgaben, stehen die entsprechenden Stunden natürlich nicht mehr für pädagogische Schwerpunktsetzungen zur Verfügung, für die sie eigentlich gedacht waren.

Der Verband der Oberstudiendirektorinnen und Oberstudiendirektoren Hessen hat ein Arbeitszeitgutachten zur Arbeitsbelastung der SL in Auftrag gegeben. Die Aussagekraft dieses Gutachtens wird vom Ministerium grundsätzlich bezweifelt und damit kommentiert, dass Schulleitungen schon deswegen nicht überlastet sein könnten, weil SL selbstständig Prioritäten setzen könnten und eine erhöhte Arbeitszeit an keiner Stelle verfügt worden sei. Angesichts der Übertragung immer neuer Aufgaben auf Schulleitungen kann eine solche Aussage nur als zynisch empfunden werden.

Der Philologenverband fordert völlig unabhängig von vorliegenden oder noch zu erstellenden Arbeitszeitgutachten, den von der Landesregierung, dem Kultusministerium oder den Staatlichen Schulämtern zusätzlich auf Schulleitung übertragenen Aufgaben angemessen Rechnung zu tragen. Deshalb sind SL und Stellvertreter von Gymnasien und Gesamtschulen mit Oberstufen weitestgehend freizustellen, da sie ihre Arbeitszeit dringend für Leitungsaufgaben benötigen. Ihre pädagogische Qualifikation haben sie auf dem Weg zur Schulleitung häufig und hinlänglich unter Beweis gestellt.

Bei Schulen mit über 1000 Schülerinnen und Schülern müssten die Schulleitungsdeputate darüber hinaus angemessen erhöht werden oder alternativ weitere Funktionsstellen mit entsprechenden Anrechnungsstunden eingerichtet werden.

Es ist Aufgabe des Ministeriums und der Politik, die Schulen auskömmlich mit Lehrkräften, Deputatsstunden und ggf. Verwaltungspersonal für vom Land übertragene Aufgaben auszustatten. Wenn das Ministerium den vorliegenden Arbeitszeitstudien misstraut oder deren Aussagekraft anzweifelt, sollte es eigene wissenschaftlich fundierte Studien in Auftrag geben. Völlig unangemessen ist es jedenfalls, vorliegende Studien durch eigene, nur schwer nachvollziehbare Annahmen und Behauptungen zu diskreditieren.

Die tatsächliche Arbeitsbelastung der SL variiert sicherlich nach Arbeitsweise, Schnelligkeit und Entscheidungsfreude der einzelnen Personen, doch ist die Tendenz zur Überlastung durch die Vielfalt der Aufgaben und den immer weiter ausgedehnten Verantwortungsbereich der SL systemimmanent.

Gleiches gilt analog für alle Mitglieder der Schulleitung.

Belastungssituation der Lehrkräfte:

Studien zur Arbeitsbelastung von Lehrkräften kommen zu dem Ergebnis, dass die durchschnittliche Arbeitsbelastung der Lehrkräfte aller Schularten auch unter Berücksichtigung der Ferienzeiten deutlich über den sonst üblichen Arbeitszeiten im öffentlichen Dienst und in unserer Gesellschaft liegen. Hier sind die Landesregierungen seit vielen Jahren in der Pflicht, diese unhaltbare Situation zu ändern. An einer drastischen Reduzierung der Pflichtstundenzahl führt deshalb nach Ansicht des Hessischen Philologenverbandes kein Weg vorbei. Die Landesregierungen sollten auch im Rahmen ihrer Fürsorgepflicht den Gesundheitsschutz der Bediensteten im Lehrkräftebereich ernst nehmen.

In den Schulen sind nach Auffassung des Hessischen Philologenverbandes die Deputatsstunden für Lehrkräfte deutlich zu erhöhen. Eine Beibehaltung des Status Quo führt zum Stillstand jeglicher Schulentwicklung und lässt auch eine Schulprogrammentwicklung mit gezielter Schwerpunktsetzung kaum zu.

Die generell gestiegenen Belastungen der Lehrkräfte sollen anhand der folgenden Beispiele nochmals verdeutlicht werden. Die Liste erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit, bezieht sich weitestgehend auf Gymnasiallehrkräfte und könnte sicher ausgeweitet werden.

Gymnasiallehrkräfte unterrichten fächerspezifisch. Dies hat zur Folge, dass sie einzelne Schülerinnen und Schüler (SuS) meist nur ein bis zweimal pro Woche unterrichten, gleichzeitig aber für 150 – 300 SuS Verantwortung tragen und notwendige Verwaltungsakte für diese SuS durchführen müssen.

Entsprechend viele Förderpläne müssen erstellt und umgesetzt werden. Die Einbeziehung des sozialen Umfeldes (wie angedacht) bei der Erstellung der Förderpläne ist damit eine nicht zu bewältigende Herkulesaufgabe.

Die Pflichtstundenzahl der Lehrkräfte ist unvermindert zu hoch. Eine erwünschte und pädagogisch sinnvolle individuelle Betreuung von SuS kann damit auch angesichts der Klassengrößen (insbesondere in den Ballungsgebieten) nicht [mehr] geleistet werden.
Die Abiturprüfung wurde durch die Einführung eines fünften Prüfungsfaches unnötig ausgeweitet, ohne dass dadurch die Qualität des Abiturs erkennbar gesteigert wurde.
Zusätzlich wurde in den Fremdsprachen eine Kommunikationsprüfung eingeführt, die einen ungeheuren organisatorischen Aufwand bei der Durchführung und der Auswertung der Prüfungen erfordert.

Angesichts der inklusiv beschulten SuS, die zunehmend auch Gymnasien besuchen, der hohen Anzahl von SuS mit Migrationshintergrund und häufig mangelhaften Deutschkenntnissen haben sich die Diversität und Heterogenität der Klassen und Kurse und damit auch die pädagogischen und fachlichen Anforderungen an die Lehrkräfte erheblich erhöht.

Verfahrensabläufe werden immer komplexer und erfordern damit immer mehr Zeit. Ordnungsmaßnahmen erinnern an kleine Gerichtsverfahren und sanktionieren Fehlverhalten nicht mehr zeitnah zum Geschehen, binden aber dennoch enorme Ressourcen.

Die Vorschriften zur Kontoführung und zum Datenschutz mögen begründet sein, führen aber ebenfalls direkt zu einer Mehrbelastung der Lehrkräfte.

Viele dieser Tätigkeiten könnten von Verwaltungskräften übernommen werden, bedürfen sie doch weder einer fachwissenschaftlichen noch einer pädagogischen universitären Ausbildung. Genannt seien hier stellvertretend die Verwaltung der LMF, die Haushaltsführung, die Führung von Schul- und Klassenkonten, die Betreuung der Netzwerke und generell die Aktenführung und Ablage.

Jürgen Hartmann, Vorsitzender des HPhV

 

 

 

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