Er rief und alle kamen: Die Verabschiedung von Josef Kraus als DL-Präsident in Berlin

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Reinhard Schwab, Vorsitzender des Päd. Ausschusses, und Josef Kraus

Am 15. Mai hat Josef Kraus sich vom Amt des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes (DL) in Berlin verabschiedet. 30 Jahre stand er an der Spitze des Verbandes und wirkte prägend auf die Bildungs- und Schulpolitik in Deutschland ein. Kraus, ein Mann fester Standpunkte und Überzeugungen, mischte sich stets wortgewaltig und schulpolitisch äußerst versiert in die Bildungsdiskussionen ein. Kaum ein Medium in Deutschland kam zum Thema Bildung ohne ihn aus, wenn es darum ging, Klartext zu reden.

Seine Bücher „Spaßpädagogik“ (1998), „Pisa-Schwindel“ (2005) und die Bildungsdebatte (2009) sind Plädoyers gegen eine „Spaß- und Erleichterungspädagogik“. Zum Bestseller wurde sein Buch  „Helikopter-Eltern“ (2013), in dem er Förderwahn und Verwöhnung beklagt. In seinem letzten Werk „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ (2017) analysiert er eine Bildungspolitik, die, wie er im Vorwort schreibt, „keine Probleme löst, sondern Problem schafft“. Er arbeitet drei große Bereiche auf: die uneinheitliche und teils unsinnige Struktur unseres Bildungssystems, die Inhalte der Lehrpläne, die eher Leerpläne sind, und das Problemfeld „Sprache“, die doch das Grundlegende ist, was Schüler überhaupt zum Lernen und Leben befähigt.

Josef Kraus übergibt am 1. Juli das Amt an der Verbandspitze des DL an den bisherigen Vorsitzenden des Deutschen Philologenverbandes Heinz-Peter Meidinger, der von den fünf Mitgliedsverbänden des Deutschen Lehrerverbandes mit deutlicher Mehrheit gewählt wurde. Der scheidende DL-Präsident wurde von der Wahlversammlung einstimmig zum Ehrenpräsidenten ernannt.

Am Wahlabend  wurde Kraus in einer Feierstunde gewürdigt. Er hatte Freunde, Wegbegleiter, Mitstreiter zu einem „bildungspolitischen Klassentreffen“ eingeladen. Kraus rief und alle kamen. In sehr persönlichen  Ansprachen hoben zahlreiche Rednerinnen und Redner sein außerordentliches Engagement hervor, seinen Widerstand gegen Bildungsexperimente, Fehlentwicklungen in der Schulpolitik, falsche Reformansätze und „bildungspolitische Götter“. Deutlich wurde aber insbesondere, dass Kraus einer ist, mit dem man gern zusammenarbeitet, mit dem es sich gut ‚streiten‘ lässt, der zu Auseinandersetzungen, zum Querdenken geradezu auffordert, mit dem man gern feiert und der selbst an Sonn- und Feiertagen bereit und willens ist, ein Statement abzugeben oder Vorlagen kritisch zu prüfen. Einer, der stets präsent ist, provoziert und sich nicht scheut, klare Positionen zu beziehen. Einer, der vielen Menschen aus der Seele spricht, den die ernsthafte Sorge um unsere Bildungsnation und die Schülerinnen und Schüler umtreibt. Daran wird sich auch sobald nichts ändern, denn Josef Kraus hat schon angekündigt, dass er weiterhin publizistisch und politisch vermehrt seinen Beitrag leisten werde, damit „die Bildungspolitik in Deutschland aus ihren Sackgassen herauskommt“. Als krönender Abschluss des festlichen Abends betrat Max Schmid, Ehrenvorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes, die „Bühne“ und parodierte in herausragender Weise die ehemaligen Politiker Herbert Wehner, Willy Brandt und Franz Josef Strauß.

Am Tag nach der Wahlversammlung und der abendlichen Feierstunde fand die Fachtagung „30 Jahre Bildungspolitik in Deutschland“ statt, bei der Josef Kraus und der Bildungshistoriker Professor Heinz-Elmar Tenorth die aktuelle und zurückliegende Bildungspolitik analysierten. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Heike Schmoll, Journalistin und Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Berlin.

Josef Kraus zog in seiner Rede Bilanz  über dreißig Jahre Bildungspolitik. Die im Folgenden abgedruckte Rede wurde vom Autor selbst gekürzt.

30 Jahre Bildungspolitik – eine kleine Geschichte wiederkehrender und neuer Dogmen (von Josef Kraus)

In der Bildungspolitik missionieren derzeit zwei neue Glaubensgemeinschaften: Die eine Konfession ist die Konfession gewisser PISA-Exegeten. Hier feiern Hohepriester der Einheitsschule fröhlich Auferstehung. Ihr apokalyptisches Hosianna lautet: Mit dem deutschen PISA-Ergebnis sei zugunsten eines „gerechten“ Schulsystems endlich der Jüngste Tag für das gegliederte, leistungsorientierte Schulwesen angebrochen. Die andere Konfession ist die BOLOGNA-Konfession. An frohen Botschaften fehlt es auch hier nicht: BOLOGNA samt Bachelor, Master, Workloads und Credit Points schaffe Mobilität, „Employability“ und eine Steigerung der Akademikerquote. Die Assoziation zu Sigmund Freuds Definition von Religion als universeller Zwangsneurose liegt da nicht fern. Denn PISA und BOLOGNA sind offenbar nicht mehr Erkenntnis, sondern schier pseudoreligiöses Erlebnis. Bildungspolitik ist damit zum Religionsersatz geworden.

1 Ein erstes Dogma ist der Egalitarismus. Das ist die Ideologie, dass alle Menschen, Strukturen, Werte, Inhalte, ja sogar alle Geschlechter (von denen es ja laut Gender-Ideologie nicht nur zwei, sondern bis sechzig geben soll) gleich bzw. gleich gültig seien. Das ist auch die Ideologie, dass es keine verschiedenen Schulformen, keine verschiedenen Begabungen, keine verschiedenen Fächer sowie keine bestimmten Werte, keine Leitkultur geben dürfe

Es scheint zu gelten: Was nicht alle können, darf keiner können. Was nicht alle haben, darf keiner haben. Was nicht alle sind, darf keiner sein. Schier jakobinisch geht es zu: Robespierre wollte die „heilige“ Gleichheit. Manche Jakobiner machten sich in ihrem Tugendterror und Gleichheitseifer gar daran, Kirchtürme schleifen, weil diese ungleich seien.

Schulpolitisch setzt sich diese „heilige Gleichheit“ in Heiligsprechungen bestimmter egalisierender Institutionen und Regelungen um: Gesamtschule, Inklusion, keine Noten, kein Sitzenbleiben, Abitur für alle, Gymnasium für alle … Oder in maßloser Extrapolation des Egalitarismus: „Jedes Kind ist hochbegabt“ – sagt und schreibt ein sog. Hirnforscher. Bloß wie? Denn wenn alle hochbegabt sind, dann ist keiner hochbegabt: Genauso wie wenn alle Abitur hätten, dann hat keiner mehr Abitur.

Ich setze dagegen:

Schule ist keine Institution zur Herstellung von Gleichheit, sondern zur Förderung von Individualität. Wer qua Schule Gleichheit und Freiheit zugleich verspricht, ist ein Scharlatan. Denn wenn die Menschen gleich sein sollen, dann sind sie nicht frei, und wenn sie frei sein sollen, sind sie nicht gleich.

Bezogen auf Bildung lautet die Frage also: Soll ein Bildungswesen am Prinzip Freiheit oder am Prinzip Gleichheit orientiert sein? Gewiss doch an der Freiheit! Denn: Die „conditio humana“ kennt keine Gleichheit. An der Unterschiedlichkeit und an der Vielfalt von Menschen ändern keine egalitäre Zivilreligion, kein Schulsystem, kein noch so gestalteter Unterricht etwas.

Es ist nun einmal das unüberwindbare Dilemma des pädagogischen Egalitarismus: Egalitäre Schulpolitik erzielt vermeintliche Gleichheit allenfalls durch Absenkung des Anspruchsniveaus. Wer aber die Ansprüche senkt, der bindet gerade junge Menschen aus schwierigeren Milieus in ihren „restringierten Codes“ fest.

Nichts ist jedenfalls so ungerecht wie die gleiche Behandlung Ungleicher. Und man macht die Schwachen nicht stärker, indem man die Starken schwächt. Außerdem: Das Prinzip Leistung und das Prinzip Auslese sind nun einmal die beiden Seiten ein und derselben Medaille. Zudem ist differenzierende Auslese eine notwendige Voraussetzung für individuelle Förderung von Kindern. Die anti-thetische Formel „Fördern statt Auslese“ ist grundfalsch. Es muss heißen: Fördern durch Differenzierung!

2. Ein zweites Dogma hat mit schier blasphemischer Hybris zu tun. Das ist der aus dem Marxismus („Der neue Mensch wird gemacht“) und dem Behaviorismus („Der neue Mensch ist konditionierbar!“) abgeleitete Machbarkeitswahn, jeder könne grenzenlos konditioniert werden (womit die Pädagogik auf den Pawlowschen Hund gekommen ist) und zu allem „begabt“ werden. Mehr noch: Hier glaubt der Mensch, via Bildungssystem Schöpfer spielen zu dürfen.

Die Hirnforschung stützt solchen Machbarkeitswahn. Sie mag ja in anderen Bereichen (Demenzforschung) große Fortschritte gemacht haben, aber als Neuropädagogik und Neurodidaktik ist sie ein Witz. Eine ihrer Erkenntnisse lautet etwa: „Effektives Lernen setzt gute Laune voraus.“ Nur, was mache ich mit dieser Erkenntnis bloß, wenn ich als Mathe-Lehrer eine pubertierende Klasse vor mir habe?

Ich setze dagegen:

Es gibt Unterschiede in der Begabung von Menschen. Dies zu sagen gilt seit 50 Jahren als politisch nicht korrekt. Wer nicht bereit ist, dem sog. dynamischen Begabungsbegriff des „Begabens“ zu folgen, der sei ein Biologist oder Darwinist. Wissenschaftlich haltbar ist eine solche Diktion nicht. Denn die Forschung hat eindeutig nachgewiesen, dass die Hälfte bis zwei Drittel des kognitiven Potentials durch Erbfaktoren bestimmt ist….

Beim Start in die Bildungslaufbahn sollten selbstverständlich alle die gleichen Chancen haben, gleiche Zielchancen kann es aber nicht geben. So äußert sich auch der Begabungsforscher Christopher Jencks, dessen Klassiker von 1972 „Inequality“ betitelt ist (und der in Deutschland im Jahr 1973 bezeichnenderweise mit dem Titel „Chancengleichheit“ auf den Markt kam). Bereits bei Jencks findet sich die Feststellung: Chancengleichheit durch Bildung ist eine Illusion, denn selbst wenn Bildung gleichmäßig verteilt wäre, schlagen doch andere Unterschiede durch: familiäre Förderung, Begabung usw.

3. Ein drittes Dogma ist die Spaß-, Erleichterungs- und Gefälligkeitspädagogik. Diese tut so, als ob Schule immer nur cool sein müsse, damit sich Kinder doch ja nicht langweilten. Kindgemäßheit nennt sich so etwas. Man könnte es auch Infantilisierung über den Kindergarten hinaus nennen….

Ich setze dagegen:

Bildung geht nur mit Anstrengung, Disziplin, Sorgfalt, Durchhaltevermögen, Selbstkritik, Wissensdurst. Die um sich greifende Gute-Laune-Pädagogik schadet unseren Kindern. Wir müssen Kindern wieder mehr zutrauen und auch mehr zumuten.

 Dass pseudopädagogische Erleichterungsattitüden falsch sind, wussten Generationen von Eltern und Lehrern seit der Antike. Selbst ein Sigmund Freud, der bekanntermaßen vieles auf das Luststreben zurückführte, war überzeugt: Leistung und Erfolg, ja das Erleben von Glück, setzen Bedürfnis- und Triebaufschub voraus.

Moderne Pädagogik tut hier genau das Falsche: Wenn etwas schwierig erscheint, dann denkt Pädagogik nicht darüber nach, wie man den Kindern das Schwierige beibringen könnte, sondern sie senkt die Ansprüche – anstatt eine Portion Durchhaltevermögen, Sitzfleiß und Dickschädeligkeit auch in Sachen Lernen zu fördern.

Trotzdem wurden Trieb-. und Bedürfnisaufschub, Leistung und Anstrengung vor allem von einer 68er geprägten Pädagogik zu Missgunst-Vokabeln. Da ist im Zusammenhang mit Schule immer noch die Rede von „Leistungsstress“, „Leistungsdruck“, „Leistungsterror“.

Wer Leistung aber zur Missgunst-Vokabel macht, versündigt sich an der Zukunft unserer Kinder.  Denn wer das Leistungsprinzip bereits in der Schule untergräbt, setzt eines der revolutionärsten demokratischen Prinzipien außer Kraft. In unfreien Gesellschaften sind Geldbeutel, Geburtsadel, Gesinnung, Geschlecht Kriterien zur Positionierung eines Menschen. Freie Gesellschaften haben an deren Stelle das Kriterium Leistung vor Erfolg und Aufstieg gesetzt. Das ist die große Chance zur Emanzipation für jeden einzelnen. Und auch Sozialstaatlichkeit ist nur mit dem Leistungsprinzip machbar.

4. Ein viertes Dogma ist die Quotengläubigkeit. Das ist die planwirtschaftliche Vermessenheit, es müssten möglichst alle das Abitur bekommen. Hier läuft doch etwas total schief, wenn wir nämlich in Deutschland 330 Berufsbildungsordnungen und einen Wildwuchs an 18.000 Studienordnungen haben. Und wenn mittlerweile mehr junge Leute ein Studium ergreifen als junge Leute, die eine berufliche Bildung anfangen.

Ich setze dagegen:

Wir stehen mit Deutschland gut da, obwohl (oder weil) wir lange Jahre auf eine künstlich nach oben geschraubte Pseudoakademisierung verzichtet haben. Vergessen wir bitte nicht, dass Deutschland, Österreich und die Schweiz niedrige Akademisierungsquoten, zugleich aber beste Wirtschaftsdaten, die stabilsten Finanzen, die niedrigsten Quoten an Arbeitslosen insgesamt und an arbeitslosen Jugendlichen haben. All das haben wir nicht, weil wir gigantische Studierquoten hätten. Das haben wir v.a. aufgrund des großen Standortvorteils „Qualified in Germany by berufliche Bildung made in Germany“. Aber es dringt nicht durch: Der Mensch scheint für viele immer noch beim Abitur zu beginnen. In der Folge sind sehr viele formal höhere Zeugnisse ungedeckte Schecks. Zudem gilt: Qualität und Quote verhalten sich reziprok. Die Fallhöhe wird damit für junge Leute umso höher. Die Wachstumsbremse der Zukunft wird die Überakademisierung sein, weil sie einher geht mit einem gigantischen Fachkräftemangel.

5. Das fünfte Dogma heißt Utilitarismus/Ökonomismus. Hier geht es darum, in der Schule überwiegend nur noch Dinge zu vermitteln, die nützlich sind, die sich später „rechnen“….

6. Das sechste Dogma heißt Empirismus (Operationalismus), es hat viel mit PISA und Co. zu tun. Dahinter steckt die Vorstellung, alle Bildung müsse sich messen und in Rankingtabellen abbilden lassen. Bildung sei das, was sich mit Mess-Operationen erfassbar sei. Wer so tut, als sei Bildung das, was PISA misst, der hat ein erbärmliches Bildungsverständnis….

 7. Das siebte Dogma ist das veloziferische. Velozifer ist nach Goethe der Gott der rasenden Beschleunigung. Es geht hier um das Dogma des Beschleunigungswahns. Das ist die Vision, man könne mit einer immer noch früheren Einschulung in immer weniger Schuljahren, mit immer weniger Unterrichtsstunden und mit noch früher einsetzendem Fremdsprachenunterricht zu besser gebildeten jungen Leuten kommen. Typisches Beispiel für eine solchermaßen verkorkste „Reform“ ist das achtjährige Gymnasium (G8). Bildung aber braucht Zeit. Man kann Reifung nicht beliebig beschleunigen. In Afrika sagt man: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht….

8. Dann das Dogma des Psychologismus; das ist der Irrglaube, Pädagogik von einer vagen Traumapsychologie her aufziehen zu können. Alle Pädagogik soll offenbar vom zerbrechlichen Kind, dessen permanenter Traumatisierbarkeit und dessen unmittelbaren Bedürfnisse her gedacht werden. Dem Kind, dem Schüler soll bloß nichts zugemutet werden, es könnte ja frustriert, demotiviert, ja traumatisiert werden. Statt ihnen ein bisschen etwas zuzutrauen, werden unsere Kinder von einem Teil der Eltern, von den „Helikoptereltern“, rundum „gepampert“.

Ich setze dagegen:

Wir sollten nicht ständig fragen, was Kinder krankmacht, sondern was Kinder stark macht. Das Risiko des Scheiterns, Enttäuschungen und Niederlagen – all das gehört zum Leben. In altersgemäßer Dosis muss ein Kind solches erfahren dürfen, sonst entwickelt es weder die Fähigkeit, damit umzugehen, noch das Selbstbewusstsein, mit Problemen selbst fertig zu werden, noch die Bereitschaft, erst einmal eigene Kräfte zu mobilisieren.

Viele Eltern – und Lehrer – machen es den Kindern zu leicht. Sie haben nie verstanden, dass Erziehung mit Subsidiarität zu tun hat. Nein, unsere Kinder sind viel widerstandsfähiger, als wir gemeinhin annehmen. Die Resilienz-Forschung hat dies nachgewiesen. Man meint damit die Kraft zur Überwindung von Einschränkungen oder gar von Verletzungen. Die Entwicklung dieser Kraft kann man fördern, indem man die Kinder – altersgerecht – Probleme selbst lösen lässt.

Und schließlich das Dogma, dass der Staat in Fragen von Erziehung alles besser könne als die Familie. Da rede ich noch nicht einmal von der pädagogisch und sozialpolitisch maßlos überschätzten Ganztagsschule: deren Hauptmerkmal die Entschulung von Schule und die Verschulung von Freizeit ist!

Immer neue Bindestrich-Erziehungen sollen den Schulen auf’s Auge gedrückt werden: etwa eine Konsum-Erziehung, Freiheit-Erziehung, Medien-Erziehung, Umwelt-Erziehung, Gesundheits-Erziehung, Ernährungs-Erziehung usw.

Allein vor dem Hintergrund dieser Ansätze frage ich mich: Wo bleibt die elterliche Erziehung? Wo bleibt Artikel 6 des GG: „Pflege und Erziehung der Kind sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ Fernen stellen sich mir folgende Fragen: Hat man etwa die entwicklungspsychologische Erfahrung vergessen, dass entscheidende Prägungen zu Hause stattfinden? Will man Erziehung total, so wie man sie in totalitären System hat?

Nein, das Gegenteil des guten Staates ist der totale Staat. Letzterer unterscheidet nicht zwischen privat und öffentlich. Ich will nicht die Kassandra geben. Aber die große Gefahr ist doch, dass die fortschreitende Verstaatlichung von Erziehung eben auch bei manchen Eltern Bequemlichkeiten nährt. Nach dem Motto: Lass die Schule mal machen, dann muss ich mich als Vater/Mutter nicht mit bestimmten Dingen herumschlagen, dafür haben wir die staatlich geprüften, gut bezahlen Besserwisser.

Bilanz und Ausblick

Versuchen wir es mal mit Ehrlichkeit: Die meisten auf diesen Dogmen aufbauenden Reformen sind gescheitert. Sie sind gescheitert, weil sie der biedere Versuch waren bzw. sind, Reduktion von Komplexität zu betreiben.

Ganz Schlaue werden jetzt sagen: Das ist doch rückwärtsgewandt, wo bleibt das Visionäre? Meine Antwort: Ohne das Erkennen und Abstellen von Fehlern gibt es keine Zukunft. Aber es gilt: Wer die Vergangenheit ignoriert, der muss damit rechnen, sie zu wiederholen – mitsamt ihren Fehlern.

Ich drehe den Spieß um: die Verursacher vorhandener oder heraufziehender Bildungsdesaster sind diejenigen, die nicht nur postfaktische, sondern parafaktische Politik machen. Denn es werden Reformen über Reformen in den Sand gesetzt, ohne Produkthaftung von Seiten derjenigen, die all dies inszeniert haben. Mit anderen Worten: Eine großer Teile der Bildungspolitik löst keine Probleme, sondern schafft Probleme….

Dass die allermeisten Reformen gerade denen schaden, denen sie zugutekommen sollten, nämlich den sozial Schwächsten, wird verdrängt. Die Kinder aus „gutem“ Hause bekommen die Verirrungen der Schulpolitik durch elterliches Zutun kompensiert, die Kinder aus „bildungsfernen“ Häusern aber bleiben in ihren Herkunftsmilieus eingekerkert.

Ich wünsche mir eine bürgerliche Revolte – nicht für noch mehr weichgespülte, sondern für anspruchsvolle Bildung. Den Mut aufzubegehren wünsche ich all denen, die sich um diese Bildungsnation sorgen. Für mich heißt das: Freiheit statt Gleichheit! Leistung statt Verwöhnung! Qualität statt Quote! Inhalte statt curricularer Nihilismen! Europäischer Wertekosmos statt Relativismus! Dies auszusprechen, sollten wir den Mut haben! Gegen alle Diktate der einer ewig-morgigen Gesinnungsethik und einer spießigen „political / educational correctness“!

 

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