Wenn der Zug abgefahren ist: Ein Kommentar zu der Situation an (Frankfurter) Grundschulen

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Der Brief der Frankfurter Grundschulleiter („Brandbrief an Kultusminister – Frankfurter Grundschullehrer schlagen Alarm vom 31.01.2017 ) muss aufrütteln, er verweist auf eine besorgniserregende Arbeitsrealität an Grundschulen. Die Grundschulen arbeiten immer mehr an der Überlastungsgrenze, mitunter auch jenseits davon.

Die Defizite hinsichtlich der Lernvoraussetzungen und des Lern- und Sozialverhaltens der Schüler haben zugenommen.  Eine große Leistungsstreuung, mehr Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten und Lernstörungen prägen das Klassenklima. Inklusion sowie Zuzug von Migranten und Flüchtlingen verschärfen die Situation. Dies alles beeinträchtigt die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Übergang auf die weiterführenden Schulen, besonders die Gymnasien haben es gelernt, mit entsprechenden Ernüchterungen umzugehen. Zumeist sind die Empfehlungen der Grundschulen zutreffend, letztlich zählt aber der Elternwille.

Gymnasialer Unterricht muss lernwirksam und leistungsorientiert sein, damit die Lehrkräfte auch zukünftig den  Anspruch verfolgen können, eine vertiefte Allgemeinbildung sowie die allgemeine Hochschulreife auf dem zwingend notwendigen Niveau zu vermitteln. Der Aufwand ist gestiegen, gymnasiale Standards zu halten, die Qualifizierung der Schüler für die Oberstufe sicherzustellen. Nicht ganz abwegig ist wohl das Wort vom sprachlichen und kulturellen Verfall, den es zu verhindern gilt.

Lehrkräfte und deren Unterricht sind maßgebend für den Lernerfolg, sie stehen nach wie vor im Mittelpunkt der Unterrichtsarbeit. Sie sind angewiesen auf gute Unterrichtsbedingungen. Gefragt sind eine effiziente Klassenführung, klare fachliche Ansprüche, wodurch die Schüler geistig herausgefordert werden. Den Lehrkräften helfen Zeitressourcen, curriculare Kontinuität, Ruhe für die Unterrichtsarbeit. Als belastend erweisen sich auch die Verwaltungsarbeit und Dokumentationspflicht, ebenfalls der übliche Reformaktionismus und natürlich zu große Lerngruppen. Das Dilemma lässt sich nur noch steigern durch eine Sekundarstufe ohne äußere Differenzierung. Für diesen Fall ist die aktuelle Grundschulsituation die Blaupause für die Sekundarstufe. Die Forderung nach längerem gemeinsamen Lernen zeugt entweder von ideologisch grundierter Naivität oder von einem leichtfertigen Umgang mit den unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten der Schüler. Der Wunsch nach größtmöglicher Heterogenität leidet daran, dass er auf etwas zielt, was durch wissenschaftliche Erkenntnisse nicht belegt ist und durch die alltägliche Praxis stets aufs Neue widerlegt wird.

Reinhard Schwab, Vorsitzender des Bezirksverbandes Fulda im Hessischen Philologenverband

Siehe dazu auch den Bericht einer Grundschullehrerin in der FAZ vom 13.12.2017 Missstände im Klassenzimmer „Ich werde keinem Kind mehr gerecht“.

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