Stellungnahme des Hessischen Philologenverbandes zum Lehrplan Sexualerziehung für allgemeinbildende und berufliche Schulen in Hessen

hphv-logoDer neue „Lehrplan Sexualerziehung“ für die allgemeinbildenden und beruflichen Schulen  in Hessen (Erlass vom 19. August 2016) kam auf leisen Sohlen. Streit und Widerstand sind jedoch programmiert, da auch dieser hessische Lehrplan, wie seine baden-württembergische Variante, eine besondere Brisanz aufweist. Er muss Kritik auf sich ziehen, da er mitunter irritierende Ansprüche formuliert.

Wie auch in Baden-Württemberg haben sich augenscheinlich die Vorstellungen der Partei Bündnis 90/Die Grünen bei der Gewichtung der Inhalte für den Sexualkunde-Unterricht durchgesetzt, erkennbar beispielsweise am sehr breiten Raum, der im Lehrplan Themen wie „Vielfalt sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten“ gegeben wird.

Sexualerziehung findet in der Schule in erster Linie im Biologieunterricht statt. Das bedeutet, dass biologische Inhalte rund um die körperliche und sexuelle Entwicklung des Menschen im Vordergrund stehen. Schon immer gehörten zum Sexualkundeunterricht auch altersgemäße Informationen über Sexualverhalten, Partnerschaft und Familie sowie das Gespräch über die Selbstbestimmung der Kinder und Jugendlichen, Prävention in Bezug auf Geschlechtskrankheiten, Möglichkeiten der Empfängnisregelung und Hilfsangebote bei ungewollter Schwangerschaft. Schon immer wurden die im Zusammenhang mit Sexualität, Partnerschaft und Familie stehenden Aspekte auch in anderen Fächern thematisiert.

Im neuen Lehrplan Sexualkunde für allgemeinbildende Schulen und Berufsschulen ist aber die Schwerpunktsetzung auffallend ethisch und gesellschaftswissenschaftlich ausgerichtet. Persönlichkeitsaspekte, die zutiefst privat sind und primär in den elterlichen Erziehungsbereich gehören, werden in das unterrichtliche Geschehen einbezogen. Die Wertevermittlung wird stärker betont, als dies bei fachlichen Aspekten der Fall ist. Gesellschaftliche Problemfelder und Widersprüche sollen mit Hilfe des Sexualkunde-Unterrichts thematisiert, Konflikte womöglich gelöst werden. Entsprechend groß ist die Anzahl der Punkte, die im Unterricht behandelt werden sollen. Eine Vertiefung einzelner Aspekte ist in Anbetracht der zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich. Die Konzepte für die Umsetzung sollen ohne Entlastung von den Lehrkräften der beteiligten Fächer in zusätzlichen Konferenzen und Arbeitsgruppen entwickelt werden. Dies lehnt der Hessische Philologenverband als unzumutbare Belastung der Kolleginnen und Kollegen ab.

Nachvollziehbar ist, dass Sexualerziehung in der Schule als fächerübergreifender Erziehungsauftrag zu verstehen ist, dem man mit Zurückhaltung nachkommt und der sich von  „Offenheit“ und „Toleranz“ gegenüber verschiedenen Wertvorstellungen leiten lässt. Schule und Elternhaus sind dabei – sinnvoll zusammenwirkend – gleichermaßen gefordert.

Dass sich die schulische Aufklärung etwa mit der Bedeutung von Ehe, Lebenspartnerschaften, Familie, mit sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten beschäftigt, dürfte selbstverständlich sein; wenn allerdings ein „wertschätzendes Verständnis“ für die Vielfalt der partnerschaftlichen Beziehungen, der z.T. sehr spezifischen sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten vermittelt werden soll – so die Zielsetzung des Lehrplans – so ist dies sehr weitgehend. Der Lehrplan verlangt hier eine Erziehung zur „Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen (LSBTI).“ Ganz abgesehen davon, dass hier psychologische und biologische Kategorien miteinander vermischt werden, lässt der Lehrplan weder Eltern und Schülern noch Lehrkräften die Freiheit, zumindest in Teilen zu anderen Bewertungen der verschiedenen Aspekte von Sexualität zu kommen. Die als Bildungsziel ausgewiesene „Akzeptanz“ (im Sinne von Anerkennen, Hinnehmen, Gutheißen) geht über die „Toleranz“ (das Gelten- und Gewährenlassen) hinaus.

Nachfolgend noch einige Anmerkungen zu den einzelnen Punkten des Lehrplans:

Zu 1. Einleitung
Hier bereits wird die Überbetonung des Ziels, Akzeptanz für die Vielfalt sexueller Orientierungen pädagogisch herbeizuführen, deutlich. Zudem wird ein Grad von Zusammenarbeit mit dem Elternhaus gefordert, der in der Realität nicht umsetzbar ist.

Zu 2. Aufgaben und Ziele schulischer Sexualerziehung
Hier zeigt sich, dass es in der Sexualerziehung schwerpunktmäßig um gesellschaftswissenschaftliche und soziologische Aspekte gehen soll. Immense Widersprüche, wie sie sich beispielsweise daraus ergeben, dass einerseits Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit thematisiert werden sollen, aber andererseits auch auf unterschiedliche kulturelle und religiöse Werte und Normen Rücksicht genommen werden soll, müssen gesamtgesellschaftlich gelöst werden. Lehrkräfte sind damit schlichtweg überfordert. Es darf nicht der Anschein erweckt werden, dass Schule diese Probleme lösen könne und versagt habe, wenn sie nicht gelöst werden.

Zu 3. Themen und Inhalte
Die meisten der aufgeführten Punkte wurden in den für die Sexualerziehung relevanten Fächern auch in der Vergangenheit bereits in geeignetem Zusammenhang thematisiert. Die Frage nach der Altersgemäßheit stellt sich jedoch beispielsweise, wenn für Zehn- bis Zwölfjährige Themen wie Bi-, Homo- und Transsexualität vorgesehen sind. Auch hier ist die Tendenz im Lehrplan zu bemerken, sich von biologischen Sachverhalten zu entfernen. Die fehlende Zeit wird Lehrkräfte zwingen, bestimmte Aspekte geschlechtlicher Neigungen und Ausprägungen nur oberflächlich anzureißen. Eine Vertiefung erscheint kaum möglich. In der Gymnasialen Oberstufe kommt die Vorbereitung des Landesabiturs mit ihrem engen inhaltlichen und zeitlichen Plan hinzu.

Zu 4. Zusammenarbeit mit Elternhaus
Der geforderte Elternabend ist bereits Standard, er sollte aber durch einen informativen Elternbrief mit Beratungsangebot bei Bedarf, der auch die Eltern erreicht, die nicht zu Elternabenden kommen, ersetzt werden können. In der Oberstufe sollte auf ihn verzichtet werden.

Zu 5. Schulpflicht/Teilnahme
Angesichts der zunehmenden Zahl von Fällen, in denen Eltern versuchen, Inhalte des Sexualkunde-Unterrichts abzulehnen oder sich ihnen zu widersetzen, ist dies eine  eindeutige rechtliche Grundlage.

Zu 6. Durchführung der Sexualerziehung
Hier wird die erhebliche Zusatzarbeit deutlich, die auf die Lehrkräfte zukommt, durch Konferenzen zur Entwicklung eines Gesamtkonzeptes und zur einzelne Lerngruppen betreffenden Feinabstimmung, Besuch von Fortbildungsveranstaltungen und Lehrgängen, um sich über kulturelle Hintergründe zu informieren. Das scheint sinnvoll, ist aber angesichts der  bereits bestehenden Arbeitsbelastung der Kolleginnen und Kollegen ohne ausreichende Entlastungsstunden schlichtweg abzulehnen.

Jürgen Hartmann, 1. Vorsitzender

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