„Das Gymnasium – (k)eine Schule für alle! Kurzbericht der Pädagogischen Tagung 2016

2015-09-14_131159Gymnasiale Bildung angesichts zunehmender Heterogenität
Die zunehmende Heterogenität der Schülerschaft bedeutet für die einzelne Lehrkraft am Gymnasium eine besondere Herausforderung. Es stellt sich die Frage, ob und wie trotz dieser wachsenden Palette an unterschiedlichen Lernvoraussetzungen gymnasiale Bildung gelingen kann. Ist Heterogenität in der Lerngruppe ein Hindernis oder gerade eine Chance für den Unterrichtsalltag? Steht sie im Gegensatz zur gymnasialen Bildung oder ist sie eine Bereicherung derselben?

Muss das Gymnasium überhaupt allen Schülerinnen und Schülern einen Lernort bieten oder kann es nur durch eine klare Eingrenzung der Schülerschaft seinem gymnasialen Anspruch gerecht werden? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigte sich die diesjährige Pädagogische Tagung, die am 11. und 12. Februar in Weilburg stattfand. 

2016-02-23_105340Wilhelm von Humboldt definierte seinen Bildungsbegriff des Neuhumanismus, der bis heute für die Entwicklung des Gymnasiums grundlegend ist, als „die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen“, es geht also um die Förderung aller Kräfte und nicht um Bildung durch einen Nürnberger Trichter oder die Förderung nur der Kräfte, die für Wirtschaft und Gesellschaft nützlich sind.

Der Berliner Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth hat in einem Interview mit der FAZ am 31. Juli 2014 drei Voraussetzungen für erfolgreiche Bildungsarbeit an Gymnasien genannt: Eignungsselektion, klare Leistungserwartungen und professionelle Kompetenz.

Das Gymnasium – (k)eine Schule für alle

2016-02-23_104602Für den ersten Referenten, Prof. Dr. Jürgen Rekus, unterscheidet sich das Gymnasium fundamental von anderen Schulformen durch den Wissenschaftsbezug. Es stellt sich die Frage, ob sich diese Voraussetzungen des Gymnasiums auch in Zukunft erfüllen lassen, wenn in Deutschland 30 % aller Schülerinnen und Schüler auf ein Gymnasium gehen oder der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann, der in seiner Stadt einen Gymnasialzugang von 56 % hat, findet, man müsse die Abiturientenquote steigern, „bis es kracht“.

Ziel der Schulpolitik ist es oft, erfolgreiche Abschlussquoten um jeden Preis vorzulegen, das heißt, um den Preis des Unterrichtsniveaus. Der steigende Ansturm der Schülerinnen und Schüler auf das Gymnasium führt zu steigender Heterogenität der Schülerschaft. Heterogenität, Vielfalt, Differenz – unterschiedliche Begrifflichkeiten versuchen zu beschreiben, dass die Vorstellung homogener Klassen mit der heutigen Realität im

Bildungssystem wenig zu tun hat. Globalisierung, Digitalisierung, Migrationsprozesse, gesellschaftliche Individualisierung und Emanzipation führen zum Ausbilden und Ausleben verschiedenster Persönlichkeiten, Fähigkeiten, Identitäten und Wünsche. Die Zunahme von Heterogenität und Vielfalt in Gesellschaft und Schule anzuerkennen und darauf konstruktiv zu reagieren, stellt für das deutsche Schulsystem, immer verstärkter auch für Gymnasien, eine Herausforderung dar.

Prof. Dr. Norbert Wenning teilt Heterogenität in folgende Kategorien auf:

– Leistungsbedingte Heterogenität. z. B. Unterschiede in Geschwindigkeit, Fähigkeit oder Bereitschaft und im Abschluss abweichende Ergebnisse

– Altersheterogenität und Heterogenität des Entwicklungsstandes

– Sozialkulturelle Heterogenität, bestimmt durch soziale Erwartungen in der Schule

– Sprachliche Heterogenität, z. B. dialektal oder soziokulturell bedingte Abweichung von Standardsprache

– Migrationsbedingte Heterogenität, zumeist als kulturelle Heterogenität diskutiert

– Gesundheits- und körperbezogene Heterogenität, Formen von Abweichung, oft als „Behinderung“ beschrieben

– Geschlechtsbezogene Heterogenität, gesellschaftliche Festlegung von Geschlechtern und geschlechtsspezifischen Mustern.

Gymnasien müssen mit all diesen Heterogenitätsformen umgehen können. Sie können Heterogenität weder einfach ignorieren, noch unbegrenzt unterdrücken oder umstandslos akzeptieren; jede Reaktion auf Heterogenität stößt an Grenzen. Machen wir uns dieses Dilemma und die Rahmenbedingungen nicht bewusst, müssen wir bei der Lösung dieser Probleme scheitern. Wenn wir mit Heterogenität leben müssen, bietet sich ein produktiver Umgang mit ihr an, wir sollten sie wenigstens als Herausforderung nutzen, besser noch als Chance.

Zum „Gymnasium der Zukunft“  

2016-02-23_104540Die zweite Referentin des ersten Tages, Frau Professorin Dr. Susanne Lin-Klitzing, hat in der Dezember-Ausgabe 2015 der Zeitschrift „Profil“ umfangreiche Vorschläge zur Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler durch äußere und innere Differenzierung vorgestellt, ich nenne deshalb hier nur die Punkte Reduktion der Lehrerverpflichtung, kleine Klassen, Förderangebote, vergleichbare Grundschulempfehlungen, Hochbegabtenförderungsmaßnahmen, Spezialklassen und bessere Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler als wichtiges Thema der Lehrerausbildung.

Gymnasium, quo vadis?

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Reinhard Schwab, PA-Vorsitzender, und Hans-Peter Meidinger

Bei der Flüchtlingsproblematik wird uns in den Medien oft suggeriert, sie wäre ein zeitlich begrenztes Problem, aber sie ist, wie der Referent Heinz-Peter Meidinger sie bezeichnet, eine „dauerhafte Mammutaufgabe der Bildungspolitik“.
Zurzeit sind 15 Millionen Syrer auf der Flucht, doch da man annimmt, dass sich die Einwohnerzahl des Erdteils Afrika bis 2050 verdoppelt, ist es klar, dass auch in den kommenden Jahrzehnten perspektivlose Afrikaner den Weg nach Europa suchen werden.

Die Integration von Flüchtlingskindern in die Schule, dass geeignete und begabte Flüchtlingskinder eine echte Chance an Gymnasien haben, erfordert von der Politik deutlich mehr Investitionen in das Bildungssystem, insbesondere in die Sprachförderung.

Der Hessische Philologenverband unterstützt die Hessische Landesregierung bei all ihren Förderungsmaßnahmen, z. B. der Neueinstellung von 800 Lehrkräften zur Sprachförderung für Flüchtlingskinder, aber es kann nicht sein, dass in Hessen Förderkurse und Gymnasiale Oberstufe gegeneinander ausgespielt werden. Deshalb muss die Kürzung der Anzahl von Lehrkräften in der Gymnasialen Oberstufe sofort zurückgenommen werden, denn der Qualitätsanspruch des Gymnasiums muss trotz aller anderen bildungspolitischen Probleme erhalten bleiben, damit das Bildungssystem Deutschlands weiterhin als ein Erfolgsmodell gilt.

Weitere Gäste in Weilburg waren der Vorsitzende des HPhV, Jürgen Hartmann, der einige Grußworte sprach und allen eine guten Verlauf der Tagung wünschte mit anregenden Impulsvorträgen und gewinnbringenden Gesprächen. Die Position des Kultusministeriums vertrat Frau Ministerialrätin Evelin Spyra, (Referat Gymnasien/ Selbstständige allgemeinbildende Schulen). In der nächsten Ausgabe von „Blickpunkt Schule“ folgt ein ausführlicher Bericht der Pädagogischen Tagung.

Die Vorträge von Frau Prof. Susanne Lin-Klitzing und Herrn Prof. Jürgen Rekus stehen unseren Mitgliedern im Servicebereich unter „Downloads/Vorträge“ zur Verfügung.

Gerhard Rabenecker

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Der Pädagogische Ausschuss und Ministerialrätin Evelin Spyra (4. von links)

 

 

 

 

 

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