Stellungnahme des HPhV zum Gesetzentwurf von CDU und Bündnis 90/Die Grünen für ein Gesetz zur Änderung des Schulgesetzes

Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf soll, so der Anspruch, auch den bereits an den Gymnasien und kooperativen Gesamtschulen befindlichen 5., 6. und 7. Klassen die Möglichkeit eröffnet werden, zum neunjährigen gymnasialen Bildungsgang zu wechseln. Der Gesetzentwurf versucht damit, dem Willen und den Forderungen betroffener Eltern gerecht zu werden.

Die durch den Gesetzentwurf ebenso wie bereits durch die entsprechende Ankündigung in der Koalitionsvereinbarung geweckten Erwartungen können in der Praxis jedoch kaum eingelöst werden. Unter Berücksichtigung des verfassungsrechtlich gewährleisteten Vertrauensschutzes für die Eltern, die ihre Kinder für den achtjährigen Bildungsgang angemeldet haben, sind grundsätzlich zwei Szenarien für einen Wechsel laufender Jgs.stufen bzw. Klassen denkbar:

Szenario 1: Eine gesamte Jgs.stufe wechselt zu g9. Dies setzt ein einstimmiges Votum der Elternschaft voraus. Diese Einstimmigkeit wird in den seltensten Fällen erreichbar sein.

Szenario 2: g9 und g8 werden parallel eingerichtet, z.B. mehrere g9-Klassen und eine g8-Klasse. Dies bringt erhebliche Probleme mit sich:
–  Die einzige g8-Klasse kann nicht mehr an bestimmten besonderen Profilen – z.B. bilinguale Klasse, Sportklasse, Musikklasse – teilhaben.
– Die Parallelität kostet in erheblichem Umfang zusätzliche Lehrerstunden, denn in der g8-Klasse muss mit extrem kleinen Gruppen z.B. in der zweiten Fremdsprache oder auch in den Fächern Religion/Ethik gerechnet werden.
– Zu schier unlösbaren Problemen führt eine g8-Klasse dann, wenn sie in die Oberstufe kommt, da sie dann die einzige Klasse in der Jgs.stufe sein wird. Für 20 – 30  Schülerinnen und Schüler ein attraktives und vielfältiges Kursangebot in der Qualifikationsphase einzurichten, ist unmöglich; in den meisten Fällen müsste dieser Klasse dann geraten werden, für die letzten beiden Jahre des gymnasialen Bildungsganges zu einer anderen Schule zu wechseln und dort das Abitur abzulegen. Dies werden viele Schulen für unzumutbar halten.

Was die Ausgestaltung des Gesetzentwurfs durch das Hessische Kultusministerium angeht, so begrüßt es der HPhV ausdrücklich, dass nicht die Eltern, sondern die Schule über die Wahlfreiheit hinsichtlich g8/g9 verfügt und dass ein Votum der Gesamtkonferenz am Beginn des Entscheidungsprozesses steht und diesen Entscheidungsprozess gegebenenfalls auch beendet.

Zu erheblichen Problemen hingegen führt, dass der Wechsel einer Jgs.stufe bzw. von einzelnen Klassen zu g9, was die Zuweisung von Lehrerstunden angeht, aufkommensneutral gestaltet wird, d.h. dass für die Klassen nach einem Wechsel zu g9 die Stundentafel um die Unterrichtsstunden, die sie zuvor, gemessen an der g9-Stundentafel, zuviel erhalten haben, reduziert wird. Dies bedeutet, dass für eine derzeitige 7. Klasse nach einem Wechsel zu g9 im kommenden Jahr noch 25,5 Stunden zugewiesen würden; sie hätte dann weniger Unterricht als eine Grundschulklasse. Die zweite Fremdsprache würde dann in den Jgs.stufen 8 – 10 noch zweistündig unterrichtet werden.

In den meisten betroffenen Gymnasien und Gesamtschulen werden Schulleitung und Gesamtkonferenz nach Abwägung aller Argumente zum Ergebnis kommen, dass ein Wechsel der bereits an den Schulen befindlichen Gymnasialklassen zu g9 unter für alle Beteiligten zumutbaren Bedingungen nicht möglich ist. Diese Entscheidung wird, nachdem so große Erwartungen geweckt worden sind, an vielen Schulen zu erheblicher Frustration in Teilen der Elternschaft und zu Streit führen. Dies ist das Gegenteil des von der Politik angestrebten Schulfriedens, sofern darunter der Friede an der einzelnen Schule gemeint ist.

Dr. Knud Dittmann

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