Instruktion versus Kooperation/Selbstorganisation?

Was macht „guten“ Unterricht aus?

2014-02-19_113013Diese Frage beschäftigte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich auf Einladung des Pädagogischen Ausschusses des Hessischen Philologenverbandes am 6. und 7. Februar in Weilburg trafen.
Die ausgebuchte zweitägige  Veranstaltung bot Vorträge von namhaften Referenten zu verschiedenen Aspekten des Tagungsthemas sowie ausreichend Möglichkeit miteinander ins Gespräch zu kommen.

Lehrersteuerung bei maximaler Schülerzentrierung

Vor rund 60 Gästen referierte zunächst Frau Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing von der Universität Marburg zum Thema „Kooperatives Lernen und Schüleraktivierung“. Am Beispiel des Gruppenpuzzles erläuterte sie eine Form des kooperativen Lernens, die keine grundsätzliche Kontraform zum vom Lehrer gesteuerten Unterricht darstellt, die aber eine Lehrersteuerung bei maximaler Schülerzentrierung ermöglicht. Das Material wird vom Lehrer gestellt, für den Erwerb, die Vermittlung und Weiterentwicklung von  Wissen sind jedoch die Schülerinnen und Schüler selbst verantwortlich. Diese spezielle Form der Gruppenarbeitsform bedingt eine induzierte, positive interpersonelle Abhängigkeit der Schüler, da jeder Einzelne gebraucht wird, um die Fragestellung des Lehrers zu lösen. Frau Lin-Klitzing ging in ihrem Vortrag auch auf die Hattie-Studie ein und stellte kurz die dort formulierten verschiedenen Faktoren dar, die den Lernerfolg am stärksten fördern. Fazit ihres Vortrages: Die Schüleraktivierung ist sowohl bei direkter Instruktion als auch bei kooperativem Lernen möglich. Das Spannungsfeld sieht sie vielmehr zwischen kooperativem und lehrerzentriertem Lernen.

Auf die Lehrer kommt es an

„Frontalunterricht – ein Auslaufmodell?“ lautete im Anschluss daran der Vortrag von Michael Felten, Gymnasiallehrer, Autor und Dozent aus Köln. Seine These: Direkte Instruktion kann hocheffektiver Klassenunterricht sein, wobei der personale Faktor in der Gruppendynamik und der Einzelförderung für ihn eine zentrale Rolle spielt. Zuwendung und Empathie, Fehlerfreundlichkeit, Entwicklungsoptimismus, Resonanzbewusstsein, um nur einige Aspekte zu nennen, sind dabei für ihn unerlässlich. Die direkte Instruktion ist für Felten kein „alter Hut“ sondern ein „lernpsychologischer Hit“. Direkt unterrichten ist nicht alles, aber Kooperation habe auch seine Tücken. Das direkte Unterrichten solle nicht immer, aber oft genug erfolgen –  im dynamischen Wechsel von Ausprobieren und Erklären. „Auf die Lehrer kommt es an“ lautet sein Fazit und ist auch der gleichnamige Titel seines Buches.

Nach den beiden Vorträgen tauschten die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer ihre persönlichen Erfahrungen in vier Arbeitsgruppen aus (AG I: Spezifika des naturwissenschaftlichen Lernens, AG II: Rhythmisierung des Unterrichtsalltags, AG III: Methoden zur Schüleraktivierung, AG IV: Teufelswerk Frontalunterricht?).

Das Bedürfnis nach „Verstehen“

Am zweiten Veranstaltungstag referierte Prof. Andreas Gruschka vom Institut für Pädagogik der Sekundarstufe der Universität Frankfurt über das Thema „Verstehen lernen: Ein Plädoyer für guten Unterricht“. Für ihn bedeutet „Verstehen“ das Bewusstsein für die innere Logik von Sachverhalten zu entwickeln. Er geht von einem Bedürfnis nach „Verstehen“ und nicht von einem Bedürfnis des „Lernens“ aus. Verstehen ist für ihn ein Prozess und er plädiert in seinem Vortrag dafür die Methoden ernster zu nehmen, mit denen sich die fachlichen Inhalte konstituieren.

Lehrerbildung in den Fokus rücken

Die Position des Hessischen Kultusministeriums zum Tagungsthema verdeutlichte Frau Ministerialdirigentin Ute Schmidt. Auch sie bezog sich auf die Hattie-Studie und zitierte ihn mit dem Satz „ein guter Lehrer weiß, was er tut“. Ihrer Ansicht nach könne es keine unmodernen Lehrmethoden geben, solange ein Lehrer ein sauberes, solides Handwerk beherrsche und die Schüler in den Mittelpunkt stelle. In der nächsten Legislaturperiode werde es keine Strukturdebatte über neue Schulformen geben, sondern der Schwerpunkt werde auf dem Kerngeschäft, dem Unterrichten, liegen. Daher rücke gerade die Lehrerbildung in den Fokus der neuen Landesregierung. In der anschließenden Aussprache beantwortete sie Fragen aus dem Plenum.

In der nächsten Ausgabe unserer Verbandszeitschrift „Blickpunkt Schule“ folgt ein ausführlicher Bericht über die Pädagogische Tagung.

← zurück