Berichte
Hier finden Sie aktuelle Berichte rund um das Schulwesen.
Vertreterversammlung 2009 - Rede des ersten Vorsitzenden zur Eröffnung
vom 16.11.2009Liebe Kolleginnen und Kollegen,
seit der letzten Vertreterversammlung im November des vergangenen Jahres in Wiesbaden hat sich politisch im Lande Hessen einiges ereignet: Eine weitere Landtagswahl hat stattgefunden, eine neue Landesregierung ist auf der Grundlage einer stabilen Mehrheit im Landtag gebildet worden und eine neue Kultusministerin – erstmals aus den Reihen der FDP – hat ihre Arbeit aufgenommen. Mit Blick auf die Koalitionsvereinbarung sowie auf einige der ersten Entscheidungen und Weichenstellungen der neuen Landesregierung stelle ich fest: Erste richtige Schritte in die richtige Richtung sind gemacht, und wir sehen mit Genugtuung, dass einige unserer Forderungen, die wir in den vergangenen Jahren immer wieder erhoben haben, Berücksichtigung gefunden haben:
Wir erkennen ausdrücklich an, dass in dieser Legislaturperiode noch einmal 2500 Stellen an den Schulen geschaffen werden sollen und auch zu Beginn des Schuljahres tatsächlich 1000 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen worden sind;
Wir erkennen ausdrücklich an, dass nunmehr die Klassen, beginnend in den Eingangsklassen, am Gymnasium also in der Jgs.stufe 5, kleiner werden, dass die unselige Sternchenregelung des Klassenbildungserlasses von 1992 endlich fällt und die Klassengröße am Gymnasium 30 Schüler nicht mehr überschreiten darf; für diejenigen Kolleginnen und Kollegen, die in 5. Klassen unterrichten, ist dies bereits spürbar;
Wir erkennen an, dass für Lernmittel mehr Geld bereitgestellt worden ist;
Wir erkennen an, dass alle g8-Schulen, also auch alle Gymnasien, nunmehr in das hessische „Ganztagesprogramm nach Maß“ aufgenommen worden sind und die entsprechenden Mittel für die pädagogische Mittagsbetreuung erhalten; dies bietet Möglichkeiten der individuellen Förderung – sei es durch Hausaufgabenbetreuung, durch Förderunterricht in kleinen Gruppen wie auch durch besondere Wahlangebote.
All dies, liebe Kolleginnen und Kollegen, kostet Geld; und ich sehe darin den entscheidenden Fortschritt gegenüber früheren Jahren: dass von den Regierenden erkannt worden ist, dass noch einmal Geld in die Hand genommen werden muss, wenn es mit Schule und Bildung in Hessen vorangehen soll.
Wir begrüßen auch das Bekenntnis der Koalitionsvereinbarung zu Erhalt und Fortentwicklung des mehrgliedrigen Schulsystems, zu einer eigenen Didaktik für den Bildungsgang Hauptschule sowie die Ausweitung des Projekts „Schule und Beruf“. Dies, liebe Kolleginnen und Kollegen, sollten wir nicht gering schätzen angesichts der Entwicklungen im Rest der Republik. Das gegliederte Schulwesen ist bundesweit unübersehbar in die Defensive geraten, und wir sind Zeugen von Strukturreformen in anderen Bundesländern, die das mehrgliedrige Schulsystem und auch bereits das Gymnasium in Frage stellen: Zum einen ist der Trend zu einem zweigliedrigen Schulsystem zu beobachten – so etwa in Schleswig-Holstein und den Stadtstaaten, wo die Hauptschule abgeschafft wird und wo es neben dem Gymnasium nur noch Stadtteil- und Gemeinschaftsschulen geben soll, die ebenfalls zum Abitur führen. Zum anderen sind wir Zeugen, wie in einigen Bundesländern das so genannte „längere gemeinsame Lernen“ auf den Weg gebracht wird, was die Amputation des Gymnasiums um die unteren Jahrgangsstufen bedeutet; statt des achtjährigen Gymnasiums werden wir also in Hamburg, in Thüringen und im Saarland bald das sechsjährige Gymnasium haben. Mit besonderer Sorge sehen wir, mit welcher Bereitwilligkeit die CDU, wie dies bereits in Hamburg geschehen ist, nunmehr auch in Thüringen und im Saarland bildungspolitische Grundsätze um des Machterhalts willen preisgibt und das Kultusministerium jeweils einem Koalitionspartner überlässt, der erklärtermaßen das längere gemeinsame Lernen propagiert. Die Folge kann nur bildungspolitische Profillosigkeit und Austauschbarkeit sein.
All dies geschieht ohne sachliche Rechtfertigung, geschweige denn Notwendigkeit. Wie die Elementstudie von Prof. Lehmann nachgewiesen hat, gibt es keinerlei nachweisbare positive Effekte eines längeren gemeinsamen Lernens. Im Gegenteil: Die leitungsstarken Schülerinnen und Schüler werden zwei Jahre länger ausgebremst, und die leistungsschwächeren fallen noch weiter zurück. Und so nimmt es nicht wunder, dass die Bundesländer mit längerem gemeinsamem Lernen wie Brandenburg bei PISA besonders schlecht abgeschnitten haben.
Ein seit einiger Zeit besonders beliebtes Argument gegen das gegliederte Schulwesen lautet, dieses sei verantwortlich für den in Deutschland besonders ausgeprägten Zusammenhang von Bildungserfolg und sozialer Herkunft. Dieses Argument ist zwar möglicherweise populär, aber falsch. Die Studie von Prof. Fend, der ehemals ein Gesamtschulverfechter war, kommt zum Ergebnis, dass Gesamtschulen hinsichtlich der Entkoppelung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg schlechter abschneiden als Schulen im gegliederten Schulsystem. Und von den Medien völlig ignoriert wurde der EU-Sozialbericht 2008, der bei den Bildungschancen unter 25 europäischen Ländern Deutschland auf Platz 1 sah. In Deutschland liegt die Vergleichschance eines Akademikerkindes zu einem Arbeiterkind, studieren zu können, bei 2 zu 1, im EU-Durchschnitt bei 3,6 zu 1 und in Italien bei 7,7 zu 1. Und dies überrascht doch auch nicht, wenn man den Blick auf andere Länder richtet und etwa bedenkt, dass in Frankreich 85% der Studenten an den fünf Elitehochschulen von Privatschulen kommen, oder mit Blick auf England, wo die Eltern, die es sich leisten können, bereits ihre ungeborenen Kinder an entsprechend teuren Privatschulen anmelden; dort, liebe Kolleginnen und Kollegen, findet die so genannte Selektion also offensichtlich noch früher statt als in Deutschland und dort entscheidet dann wirklich der Geldbeutel der Eltern über die Bildungschancen der Kinder.
Wir sehen also – um auf die Situation in unserem Bundesland zurückzukommen – in der Koalitionsvereinbarung Etliches, was unsere Zustimmung findet, und die ersten Schritte der neuen Landesregierung waren ermutigend. Indessen: Natürlich sehen wir weiteren Handlungsbedarf. Dies gilt vorrangig für das drängende Problem des Lehrermangels. Bundesweit und auch in Hessen leiden die weiterführenden Schulen massiv unter Lehrermangel. Dies gilt nicht nur für die MINT-Fächer, also die Fächer Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik – und manchen fällt dann noch Latein und Musik ein. Nein – der Markt ist in nahezu allen Fächern leergefegt. Es gibt etliche Schulen, die haben für die Fächer Deutsch, Geschichte, Politik und Wirtschaft keine ausgebildeten Lehrkräfte mehr gefunden; für Englisch gilt dies sowieso. Dies hat dazu geführt, dass sich die Schulen in erheblichem Umfang mit Personen ohne Lehramt behelfen – Lehramtsstudenten, junge Leute, die nach dem 1. Staatsexamen keinen Referendariatsplatz bekommen haben, oder Akademiker mit anderem Abschluss als dem 2. Staatsexamen. Alle diese Personen, die ihr Bestes geben und denen wir dankbar sind dafür, dass sie aushelfen, sind keine ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrer. Wenn das so weiter geht, können wir uns jede Qualitätsdiskussion und auch jede Unterrichtsevaluation sparen. Und angesichts dieser Situation, in der die Schulen händeringend nach gut ausgebildeten Lehrkräften mit 1. und 2. Staatsexamen suchen, ist es völlig unannehmbar, dass junge Menschen, die das Lehramtsstudium mit einem guten, ja teilweise sogar sehr guten 1. Staatsexamen abgeschlossen haben, in so großer Zahl, wie dies der Fall ist, keinen Referendariatsplatz bekommen. Mir hat ein junger Mann gegenübergesessen – ich habe das Zeugnis gesehen – mit einem ersten Staatsexamen von 1,47 – also „mit Auszeichnung bestanden“ - in den Fächern Deutsch und Geschichte, und er hat keinen Referendariatsplatz bekommen. Dieser junge Mann versteht doch die Welt nicht mehr: Da veranstaltet das Land Hessen n anderen Bundesländern Werbeaktionen „Lehrer – kommt nach Hessen“ – und zugleich bekommt er mit der Note 1,47 im 1. Staatsexamen keinen Ausbildungsplatz. Und es ist doch klar, was geschieht: Diese jungen Leute bekommen Angebote aus anderen Bundesländen, dort ihr Referendariat zu absolvieren, und man muss ihnen in ihrem Interesse zuraten, dies zu tun; aber für Hessen sind sie dann auf Dauer verloren. Ich weiß und erkenne an, dass in Hessen in den letzten Jahren die Zahl der Referendariatsplätze deutlich erhöht worden ist; dennoch appelliere ich angesichts der dramatischen Mangelsituation an die Landesregierung, noch einmal alle finanziellen Möglichkeiten auszuschöpfen und noch einmal die Ausbildungskapazitäten an den Studienseminaren zu erhöhen. Nichts ist von so schlechterdings entscheidender Bedeutung für gute Schule und guten Unterricht wie gut ausgebildete Lehrkräfte; alles andere ist demgegenüber nachrangig.
Ich will in diesem Zusammenhang gar nicht viele Worte zum Thema „Quereinsteiger“ verlieren. Ihre Zahl hält sich in Grenzen und von einer „dritten Säule“ der Nachwuchsgewinnung ist zu Recht nicht mehr die Rede; auch sind unsere Vorstellungen, was Begleitqualifizierung und Anforderungsniveau abgeht, weitgehend berücksichtigt worden. Aber ein Satz muss gesagt werden: Wenn doch die besten unserer Abiturienten, wie es immer so schön gesagt wird, für ein Lehramtsstudium gewonnen werden sollen, ist es ein völlig falsches Signal, wenn Quereinsteiger mit dem Fach Mathematik eingestellt werden und gleichzeitig Lehramtsstudenten mit diesem Fach und mit 1. Staatsexamen keinen Ausbildungsplatz bekommen.
Das Problem des Lehrermangels muss also kurzfristig angegangen werden – und dies ist auch möglich: Genügend junge Leute mit 1. Staatsexamen sind vorhanden. Aber auch längerfristig muss darüber nachgedacht werden, wie qualifizierter Lehrernachwuchs gewonnen werden kann. Hierzu ist es erforderlich, dass die Attraktivität des Gymnasiallehrerberufs erhöht wird. Insbesondere Hochschulabsolventen mit den Fächern Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik haben in der Wirtschaft blendende Aussichten und Karrierechancen; hier ist der Öffentliche Dienst nicht konkurrenzfähig. Übrigens: Die Konkurrenzfähigkeit ist auch nicht dadurch erhöht worden, dass nunmehr alle jungen Kolleginnen und Kollegen eine dreijährige Probezeit haben und es nicht mehr möglich ist, gute und sehr gute Leistungen wenigstens dadurch zu honorieren, dass die Probezeit verkürzt wird. Diese Regelung steht im Widerspruch zu allen Bekenntnissen zum Leistungsprinzip und konterkariert alle Bemühungen, dieses im Öffentlichen Dienst verstärkt zur Geltung zu bringen.
Dass die Anwärterbezüge in der Besoldungsrunde faktisch um 6% erhöht worden sind, erkennen wir an; auch dies war eine gute Entscheidung. Was überdies nottut, sind mehr Aufstiegsmöglichkeiten. Dass für den nächsten Haushalt 350 zusätzliche A 14-Stellen vorgesehen sind, begrüßen wir und erkennen wir an; wir verbinden damit die Hoffnung, dass ein erheblicher Teil dem gymnasialen Bereich zugute kommt; hier gibt es – im Vergleich zu den Berufsschulen – Nachholbedarf. Darüber hinaus sind mehr Funktionsstellen nach A 15 erforderlich, um sehr gute Arbeit belohnen und auch Schulleitungstätigkeit auf mehr Schultern verteilen zu können; die Zahl von Funktionsstellen an hessischen Schulen ist – etwa im Vergleich zu Bayern und Baden-Württemberg – überaus dürftig. Gerade für junge Männer, die sich über Aufstiegsmöglichkeiten und Karrierechancen definieren, ist der Gymnasiallehrerberuf derzeit nicht attraktiv. Was die A 15-Stellen angeht: Ein erster, finanziell überhaupt nicht ins Gewicht fallender Schritt könnte sein, für alle Schulen mit gymnasialer Oberstufe drei Fachbereichsleiterstellen bereitzustellen. In jedem Schulamtsbereich fehlen ca. fünf bis sieben Fachbereichsleiterstellen, weshalb jede freiwerdende Fachbereichsleiterstelle erst einmal ca. zwei Jahre vakant bleibt. Fünf bis sieben Fachbereichsleiterstellen pro Schulamt, dies bedeutet finanziell fünf bis sieben Mal die Differenz von A 14 zu A 15: Das Land kostet dies fast nichts, aber es würde viel Unmut zum Verstummen gebracht.
Den Schulen mangelt es derzeit indessen nicht nur an gut ausgebildeten Lehrkräften in ausreichender Zahl, sondern auch an nicht pädagogischem Personal. Wir bedauern sehr, dass das Projekt „Erfahrung hat Zukunft“ nicht fortgeführt werden konnte; die Frage, warum dies so war, lasse ich an dieser Stelle unerörtert. Viele Schulen hätten diese Kräfte gerne weiter beschäftigt. Der 10%-Erlass, von dem ständig die Rede ist, hilft uns nicht weiter; er ist so nicht handhabbar. Etliche Schulen haben keinen Medientechniker; dabei tun sich die Schulträger doch keinen Gefallen, wenn sie zulassen, dass die Ausstattung verrottet, weil niemand da ist, der kleinere Reparaturen vornehmen kann. Die Schulen bräuchten jeweils einen Bibliothekar für Schülerbibliothek und Lernmittelbücherei. Die Schulsozialarbeit müsste aufgebaut und forciert werden; wir würden es deshalb sehr begrüßen, wenn in dieser Frage die Drittelregelung bei der Finanzierung, die Herr Banzer versprochen hatte – jeweils ein Drittel der Kosten wird übernommen vom Land, von den Schulträgern und von den Gemeinden – doch noch umgesetzt werden könnte. Und schließlich: Das Projekt „Selbständige Schule“, das doch ein vorrangiges Anliegen dieser Landesregierung ist, wird nur mit Aussicht auf Erfolg umgesetzt werden können, wenn die Schulen die entsprechende personelle Ausstattung erhalten. Wenn wir in den Schulen – Stichwort: Budgetierung - mit sechs- oder gar siebenstelligen Zahlen hantieren sollen, dann benötigen wir eine Verwaltungskraft mit betriebswirtschaftlichen Kenntnissen – und wir benötigen mehr Leitungszeit, um die zahlreichen zusätzlichen Aufgaben delegieren zu können.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, auf den Nägeln brennt uns nach wie vor die Frage der Arbeitszeit. Für den Tarifbereich, also für die sich im Angestelltenverhältnis befindenden Mitarbeiter des Öffentlichen Dienstes ist für 2010 die Rückkehr zur 40-Stundenwoche vereinbart. Selbstverständlich fordern wir ebenso wie der DBB Hessen die Übertragung auch dieser Vereinbarung auf den Beamtenbereich und damit auch auf den Lehrerbereich. Dies ist doch nur recht und billig: dass die Arbeitszeit der Beamten nicht höher ist als die der Angestellten im Öffentlichen Dienst. Für den Gymnasiallehrerbereich heißt dies, dass wir die Streichung jener 26. Pflichtstunde fordern, die uns die Operation „Sichere Zukunft“ des Hessischen Ministerpräsidenten 2003 beschert hat. Natürlich ist uns klar, dass dies einen gewaltigen finanziellen Kraftakt bedeuten würde und auch angesichts des ohnehin schon vorhandenen Lehrermangels zu weiteren erheblichen Engpässen in der Lehrerversorgung führen würde; wir machen uns deshalb keine Illusionen, was eine kurzfristige Umsetzung unserer Forderung angeht. Eben deshalb hat auch der DBB Hessen der Vereinbarung zugestimmt, rückwirkend ab 1. Januar 2007 die 42. Stunde wenigstens als Zeitgutschrift in einem Arbeitszeitkonto zu verbuchen, das vor dem Eintritt in den Ruhestand ausgeglichen wird. Für den Lehrerbereich liegt nunmehr der Entwurf einer entsprechenden Änderung der Pflichtstundenverordnung vor und ebenso der „Entwurf der Richtlinien über das Lebensarbeitszeitkontos bei Lehrkräften und Sozialpädagogen vor“. Vorbehaltlich einer genauen Prüfung, um die ich Koll. Naumann und den SPA bitte, habe ich den Eindruck, dass hier eine faire Umsetzung des Arbeitszeitkontos für den Lehrerbereich vorgeschlagen wird.
Jenseits dieser Problematik und jenseits unserer grundsätzlichen Forderung nach eine linearen Absenkung der Pflichtstundenzahl gilt: Es gäbe eine Reihe von Möglichkeiten, besonders belastete Lehrkräfte zu entlasten: sei es etwa durch die Anrechnung von Klassenlehrertätigkeit auf das Deputat, sei es durch ein höheres Kontingent von Entlastungsstunden, über deren Verteilung in den Schulen selbst entschieden werden könnte, sei es durch die Abschaffung der bürokratisierten Förderpläne, die ja bereits in Aussicht gestellt war. Wohlgemerkt: Wir wenden uns nicht gegen individuelle Förderung, sondern nur gegen sinnlose Bürokratie, die Förderung nur vortäuscht.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, gute Schule erfordert gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer. Dies berührt die Frage der Lehrerbildung. Hier registrieren wir mit Genugtuung, dass es, was die Grundstruktur angeht, ein hohes Maß an Übereinstimmung zwischen Landesregierung und unserem Verband gibt: Auch die Landesregierung hält an der Zweiphasigkeit der Lehrerausbildung, an der Lehramtsbezogenheit und am Referendariat fest; der abwegige Vorschlag der VhU, das Referendariat zu ersetzen durch ein Traineeprogramm „on the job“, bleibt unberücksichtigt. Ebenso finden einige der Korrekturen unsere Zustimmung, die in der 2. Phase, also im Referendariat, nunmehr vorgenommen werden: So soll die Zahl der Module verringert und damit die Fragmentierung der Ausbildung gemildert werden; auch dass das SME-Projekt relativiert wird, findet unsere Zustimmung.
Mit Sorge hingegen verfolgen wir die Entwicklung, was die erste, die universitäre Phase der Lehrerausbildung angeht. Die zentrale Aufgabe der Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer ist ein qualitativ hochwertiger Unterricht und insbesondere die wissenschaftspropädeutische Vorbereitung in der Oberstufe auf die allgemeine Studierfähigkeit. Dies erfordert ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz, deren Erwerb im Mittelpunkt der universitären Phase der Ausbildung stehen muss. Wir sehen die ernste Gefahr, dass die fachwissenschaftliche Ausbildung in der ersten Phase unter die Räder gerät. Dass diesem Erfordernis etwa bei den vorliegenden Modellen konsekutiver Studiengänge mit den Abschlüssen „Bachelor“ und „Master“ Rechnung getragen würde, vermögen wir nicht zu erkennen. Wir können überhaupt keinen Zugewinn, keinen Mehrwert in der Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge erkennen. Die Versprechungen, die mit der Einführung dieser Studiengänge verknüpft wurden, sind ja alle nicht in Erfüllung gegangen: Weder ist die Mobilität der Studenten gesteigert noch ist die Abbrecherquote verringert noch sind die Studienzeiten kürzer geworden. Im Gegenteil: Nachdem die Verkürzung der Gymnasialzeit begründet wurde damit, dass die deutschen Hochschulabsolventen zu alt seien, überlegt man jetzt, ob die Studiendauer bis zum Erwerb des Bachelor nicht auf acht Semester erhöht werden könne – und dies, obwohl sich noch immer kein klares Berufsbild mit diesem Abschluss verbindet, und die Ausbildung zum Grundschullehrer dauert künftig fünf Jahre statt drei Jahre. Soviel zu den versprochenen kürzeren Ausbildungszeiten. Ich wiederhole: Wir versprechen uns von einer Umstellung des Lehramtsstudiums auf Bachelor- und Master-Studiengänge nichts, und ich appelliere an die Landesregierung, sich Baden-Württemberg anzuschließen und erst einmal abzuwarten, welche Fehler die anderen Bundesländer machen; aus deren Fehlern kann Hessen dann lernen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich kann an dieser Stelle nicht auf alles eingehen, was der Staatssekretär heute Vormittag ausgeführt hat; aber ein Wort zu den Bildungsstandards und zur Kompetenzorientierung oder, um auch dieses schöne Wort zu gebrauchen, zur „Outputorientierung“ scheint mir doch geboten. Ich rate zu Gelassenheit; lassen Sie es in Ruhe auf sich zukommen. Wir hatten in Hessen also in den 70er Jahren die Rahmenrichtlinien, danach die Rahmenpläne, danach die schulformbezogenen Lehrpläne – und nunmehr sollen es also die Bildungsstandards und die Kompetenzorientierung richten. Ich habe Verständnis für Kolleginnen und Kollegen, die nach all dem sagen: Diesen x-ten Paradigmenwechsel werden wir auch noch überleben. Glauben Sie mir: Es wird sich weit weniger ändern, als die Verfechter der Bildungsstandards glauben. Statt der Lehrpläne werden wir also künftig, wenn wir unterrichten, die Bildungsstandards im Hinterkopf haben – im Hinterkopf, aber eben nicht mehr. An der Unterrichtssituation, daran, dass wir versuchen müssen, unsere Schülerinnen und Schüler über interessante und gut vermittelte Themen und Inhalte zu gewinnen und zu fesseln, wird sich doch überhaupt nichts ändern. Eine Bemerkung allerdings sei mir noch erlaubt: Ich werde den Verdacht nicht los, dass die Entdeckung von Bildungsstandards, Kerncurricula und Kompetenzorientierung auch dazu dienen soll zu kaschieren, dass in acht Jahren eben nicht so viel vermittelt werden kann wie in neun Jahren.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie mich abschließend folgendes sagen: Das Thema Schule und Bildung hat in den letzten Jahren in den politischen und gesellschaftlichen Debatten an Bedeutung und Aufmerksamkeit gewonnen. Entsprechend, so scheint mir, ist auch das Bewusstsein gewachsen, dass wir, die Lehrerinnen und Lehrer, einen für die Gesellschaft wichtigen, fordernden und verantwortungsvollen Beruf ausüben. Gerade die Eltern schulpflichtiger Kinder – so hat eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ergeben – sehen die Lehrer ihrer Kinder deutlich positiver als der Rest einer oftmals schulfernen Gesellschaft; die Eltern, so das Ergebnis der Umfrage, sind von der fachlichen und pädagogischen Kompetenz der Lehrkräfte sowie ihrem Bemühen um eine gerechte Notengebung und einen interessanten Unterricht überzeugt. Dieser Befund, liebe Kolleginnen und Kollegen, sollte uns freuen. Und so rufe ich Ihnen zu: Lassen Sie uns immer wieder dessen bewusst werden, was wir können und was wir für diese Gesellschaft leisten, und lassen Sie uns mit dem entsprechenden Selbstbewusstsein auftreten. Dann wird es uns auch nicht schwer fallen, die eine oder andere Zumutung aus Politik und Gesellschaft einfach abtropfen zu lassen.
