HPHV - Hessischer Philologenverband

Die Gewerkschaft der Gymnasiallehrrerinnen und Gymnasiallehrer in Hessen

Berichte

Hier finden Sie aktuelle Berichte rund um das Schulwesen.

 

Gymnasialtag 2009 - Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer in Hessen - Ansprüche, Erwartungen, Entwicklungen

vom 06.10.2009

Gymnasiallehrer - Ein schöner Beruf 

Es ist eine sinnvolle Tätigkeit Kinder und Jugendliche zu unterrichten und zu erziehen, sie so zu bilden, dass sie sich zu lebenstüchtigen, selbstständig denkenden, leistungswilligen Persönlichkeiten entwickeln, die bereit sind, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen.
Im gymnasialen Bildungsgang werden überwiegend die überdurchschnittlich begabten, leistungsfähigen und leistungswilligen Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Welche andere Lehrergruppe kann die Entwicklung zehnjähriger Sextaner, die erwartungsvoll ihren ersten Schultag am Gymnasium erleben, hin zum jungen Erwachsenen erleben, der sein Zeugnis der Hochschulreife erhält.
Und es erstaunt immer wieder, wenn bei Abiturfeiern auf einmal wohlerzogene, intelligente junge Menschen mit ungeahnten Talenten auftreten, die gerade noch pubertierten und ihren Lehrern viele
Nerven gekostete haben.
Unser Beruf ist anstrengender und anspruchsvoller als viele andere Berufe. Aber wir haben auch mehr Gestaltungsfreiheit sowohl inhaltlich als auch zeitlich. Diese Freiheit bedingt, dass wir bereit sein müssen, die Verantwortung für unsere Arbeit zu übernehmen. Wir sind Beamte auf Lebenszeit und somit, wenn wir uns nichts Eklatantes zuschulden kommen lassen, unkündbar. Wenn man nicht das Risiko liebt, ist das in Zeiten wirtschaftlicher Krisen überaus beruhigend.
Wir sind Akademiker und entsprechend unserer akademischen Ausbildung werden wir wie Mediziner oder Volljuristen im Eingangsamtdes Höheren Dienstes nach A 13 Z alimentiert.
• Aber warum gibt es zu wenig junge Leute,
die Gymnasiallehrer werden wollen?
• Warum sind es sowenig Männer,
für die der Beruf heute attraktiv ist?
• Warum sind so viele Gymnasiallehrer unzufrieden?
Gesellschaftliches Ansehen
Gymnasiallehrkräfte führen Schülerinnen und Schüler zum höchsten deutschen Schulabschluss. Sie nehmen die Abiturprüfungen ab, bescheinigen die allgemeine Hochschulreife und erteilen somit die
Zugangsberechtigung zum Studium an einer Universität.
Deshalb haben Gymnasiallehrkräfte eine wissenschaftliche, universitäre Ausbildung, die zur Promotion berechtigt. Nur so sind sie in der Lage, mit ihren Schülerinnen und Schülern wissenschaftspropädeutisch
zu arbeiten und das für die Leitung von Leistungskursen zu fordernde Niveau zu garantieren.
Um unseren Lebensstandard in Deutschland zu halten und international wettbewerbsfähig zu sein, brauchen wir vor allem gebildete, hochqualifizierte, innovationsfähige und einsatzfreudige Menschen,
die Leistungsträger in unserer Gesellschaft sind. Logischerweise müssen auch ihre Lehrkräfte das entsprechende Potential haben.
Die Ausbildung am Gymnasium genießt eine hohe Akzeptanz in Gesellschaft und Wirtschaft. Auch bei internationalen Tests können sich die Ergebnisse der Gymnasien sehen lassen. Daran sind die
Gymnasiallehrkräfte nicht unerheblich beteiligt.

Ausbildung
Es besteht ein öffentliches Interesse an der Einhaltung von Qualitätsstandards der Lehrerbildung. Die Staatsexamen können die erforderliche Qualitätskontrolle durch den Staat sicherstellen. Auf dem Gymnasialtag wird zu diskutieren sein, warum ein fünfjähriges Bachelor- und Master-Studium, das von den Hessischen Universitäten sowie von der Vereinigung hessischer Unternehmerverbände gefordert wird und nun auch von Kultusministerin Dorothea Henzler angedacht ist, einem reformierten vierjährigen Staatsexamensstudium vorzuziehen ist. Zu fragen ist auch, ob die Mittel, die berechneten Mehrkosten für dieses Studium belaufen sich auf sechzehn Millionen Euro pro Jahr, nicht effektiver den Schulen selbst zur Verfügung gestellt werden sollten.


Beamtenstatus der Lehrkräfte
Unterricht und Erziehung, soweit sie von Schulen geleistet werden, sind eine wesentliche staatliche Aufgabe der Daseinsvorsorge für die Bürger. Alle Staatsaufgaben, die der Daseinsvorsorge des Einzelnen
dienen, sind dauerhaft zu erbringen und dürfen keinerlei Beeinträchtigungen erfahren.
Schuldienst, wie ihn Lehrerinnen und Lehrer ausüben, gehört deshalb zu den Staatsaufgaben, die nicht durch Tarifauseinandersetzungen und Streik beeinträchtigt werden dürfen. Eine streikfreie Schule ist nur durch den Beamtenstatus als Regel-Beschäftigungsverhältnis der Lehrerinnen und Lehrer zu gewährleisten.
Lehrerinnen und Lehrer an öffentlichen Schulen erfüllen Hoheitsaufgaben, denn sie beeinflussen in hohem Maße die Lebenslaufbahn einzelner Schülerinnen und Schüler, zum Beispiel durch die Noten- und Zeugniserteilung, Versetzungsentscheidungen, die Vergabe von Abschlüssen und durch Ausübung von Disziplinarrechten. Darüber hinaus sichert der Beamtenstatus den Lehrerinnen und Lehrern die notwendige Unabhängigkeit und den pädagogischen Freiraum, den sie brauchen, um gegen unzulässige Einflussnahme geschützt zu sein.
Deshalb tritt der Philologenverband, anders als es die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände und auch die FDP fordern, für den Beamtenstatus von Lehrerinnen und Lehrern ein.


Unterricht – das Kerngeschäft
Es besteht die Gefahr, die Schule zunehmend als Reparaturbetrieb der Gesellschaft zu sehen. Was an Erziehungsarbeit in Familien nicht mehr geleistet wird, soll die Schule übernehmen.
Die Bevölkerung sieht die Belastung der Lehrkräfte, das Bild von ‘faulen Säcken mit Halbtagsjob’ wird nicht bestätigt. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2003 waren 74 Prozent der Bevölkerung der
Auffassung, dass es heute schwer sei, Lehrer zu sein.
Ich kann junge Männer verstehen, die zwar gerne unterrichten würden, aber von der Pädagogisierung des Gymnasiallehrerberufs davon abgehalten werden.
Es ist unbestritten, dass Gymnasiallehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler bilden sollen, das heißt, unterrichten und eben auch erziehen.
Aber für Betreuungsaufgaben sowie die Erziehungsarbeit mit verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schüler sind auch den Gymnasien Unterstützungssysteme zur Seite zu stellen. Sozialpädagogen,
Erzieher und Psychologen, die die Lehrkräfte professionell unterstützen und damit entlasten.
Auch ist unverständlich, dass in Anbetracht des gravierenden Lehrermangels viele Lehrerstunden nicht für den Unterricht verwendet werden, sondern für die Wartung von Medien oder Computern, die LMFVerwaltung oder Sammlungsleitung. Diese Aufgaben kann auch technisches Fachpersonal ohne akademische Ausbildung übernehmen.
Nach einer Studie aus dem Jahr 2002 zum Thema ‘Lehrerinnenund Lehrermangel’ der HIS Hochschul-Informations-System GmbH ist nach Meinung der Studierenden die Verbesserung der Arbeitsbedingungen
an Schulen am besten geeignet, die Attraktivität des Berufs zu erhöhen. So sieht sich ein Großteil der Studierenden vom Verhalten der Schüler überfordert, und nahm deshalb kein Lehramtsstudium
auf.


Arbeitsplatz
Mit der gymnasialen Schulzeitverkürzung verbringen auch die Gymnasiallehrkräfte mehr Zeit pro Tag an den Schulen. Mit modernen Kommunikationsmedien ausgestattete Einzelarbeitsplätze für Lehrerinnen
und Lehrer müssten an den Schulen selbstverständlich sein.
Solange die Schulträger nicht in der Lage sind, jedem Lehrer einen angemessen ausgestatteten Arbeitsplatz in der Schule zur Verfügung zu stellen, muss das häusliche Arbeitszimmer steuerlich absetzbar sein.
Mittlerweile hat das Finanzgericht Münster dem Bundesverfassungsgericht die Frage der Verfassungswidrigkeit der steuerlichen Absetzbarkeit des häuslichen Arbeitszimmers von Lehrkräften vorgelegt.


Arbeitszeit
Die ohnehin schon hohe Pflichtstundenzahl hessischer Gymnasiallehrkräfte wurde durch die Operation ‘Sichere Zukunft’ weiter erhöht:
• 1991 Absenkung auf 23 Wochenstunden durch Verzicht auf Teilnahme an der fünfprozentigen Einkommenserhöhung,
• 1995 Anhebung auf 26 Wochenstunden wegen des zu ‘überwindenden Schülerbergs’,
• 2004 Erhöhung auf 27 Wochenstunden wegen der Haushaltslage Durchführung der Operation ‘Sichere Zukunft’ durch Roland Koch;
• nun 2008 endlich eine Reduzierung durch die Rücknahme und Rückgabe der so genannten Vorgriffsstunde.
Doch sind 26 Wochenstunden in Anbetracht der gestiegenen außerunterrichtlichen Aufgaben viel zu hoch.


Belastungsfaktoren
Gymnasiallehrkräfte können langfristig nicht am Limit arbeiten. Die Schaarschmidt-Studie hat eindrucksvoll gezeigt, dass die Lehrerinnen und Lehrer im Vergleich zu anderen Berufsgruppen überproportional belastet sind. Ferner hat die Potsdamer Studie wissenschaftlich aufgezeigt, dass sich die individuellen Belastungsfaktoren der Lehrkräfte bis in den Bereich gesundheitlicher Schädigungen auswirken können. Gerade engagierte Lehrkräfte, die sich mit ihrem Beruf identifizieren, sind burn-out gefährdet.
Dies hat auch eine Studie mit dem Thema ‘Langes Lehren’ des Instituts für Arbeits- und Sozialmedizin der Medizinischen Fakultät an der Technischen Universität Dresden bestätigt.
Am häufigsten wurden in dieser Studie zu den beruflichen Belastungen von Lehrern angegeben: Allgemeine Arbeitsbedingungen einschließlich der schlechten Ausstattung der Schulen, Zeitdruck
und lange Arbeitszeiten, Leistungsschwächen, Verhaltensauffälligkeiten, Angriffe, mangelnde Disziplin und Motivation der Schüler, zu große Klassen, geringes gesellschaftliches Ansehen des Lehrerberufs,
Lärm.
Als theoriegeleitete Belastungsfaktoren im Lehrerberuf werden von den Wissenschaftlern gesehen: Komplexität und Kompliziertheit, mangelnde Durchschaubarkeit und Vorhersehbarkeit, hohes Anspannungsniveau mit Sachzuwendungen über längere Zeit, verteilte Aufmerksamkeit, eingeschränkt
selbstbestimmte Erholungszeiten über den Unterrichtstag, situativbezogener Wechsel von Verhaltensweisen im Unterricht mit hoher Anpassungsleistung, kürzesten Zeitraum für Auswahl von adäquaten, effektiven Verhaltensweisen (Pädagogisch schwierige Situationen), Unterliegen von unterschiedlichen Bewertungskriterien (Schüler, Eltern, Kollegen, Schulleitung), Vermischung Arbeits- und Freizeit.
Die Belastungsfaktoren sind dem Hessischen Kultusministerium und den Schulträgern bekannt und werden als zutreffend bezeichnet, doch deutlich spürbare Entlastungsmaßnahmen in Form einer
Pflichtstundensenkung oder einer Deputatstundenerhöhung oder zusätzlichem Verwaltungspersonal gibt es bisher nicht.

Besoldung
Weder vom Anfangsgehalt noch von den Aufstiegschancen her kann der Lehrerberuf mit der Wirtschaft und dem freiberuflichen Sektor mithalten. Das geringe Referendarsgehalt stellt keinen Anreiz für
leistungsstarke Persönlichkeiten dar. Deshalb werden sie vor allem in den MINT-Fächer reihenweise von der Wirtschaft abgeworben.
Die Besoldungsstrukturreform 1997 bedeutet bezogen auf das Lebenseinkommen eine Kürzung um einen fünfstelligen Betrag. Die versprochenen leistungsbezogenen Besoldungselemente werden uns bis heute vorenthalten.


Karrierechancen
Im Vergleich zu anderen Bundesländern gibt es wenig Aufstiegsmöglichkeiten. Auf Drängen des Hessischen Philologenverbandes ist man in Hessen auf dem Weg, die Vorgaben sechzig Prozent A 13 zu vierzig Prozent A 14 zu erreichen.
Will man leistungsfähige und leistungsbereite junge Abiturientinnen und Abiturienten für den Lehrberuf gewinnen, muss man ihnen auch Entwicklungschancen bieten. Die Übernahme von zusätzlichen
Aufgaben in den Gymnasien muss mit Beförderungsmöglichkeiten verbunden sein, die die Qualität der geleisteten Arbeit anerkennt, das heißt nicht nur mit A 14-Stellen, sondern auch mit A 15-Stellen.

Gymnasialtag 2009
Wir sind gespannt, mit welchen Maßnahmen Kultusministerin Henzler Hessen im bundesweiten Wettbewerb um die besten Gymnasiallehrkräfte positionieren wird und wie sie die Qualität der Ausbildung
sicherstellen will.
Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing wird über die erste Phase der Lehrerbildung referieren und die Notwendigkeit eines Bachelor-Master-Studiums als Konsequenz aus dem Bologna-Prozess kritisch hinterfragen.
Über die aktuellen Planungen und Entwicklungen in der zweiten Phase der Lehrerausbildung wird Andreas Lenz, Leiter des Referats Lehrerbildung im Hessischen Kultusministerium, informieren.
»Neue Lehrer braucht das Land!« ist die Auffassung der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände. Jörg E. Feuchthofen wird die Eckpfeiler für eine grundlegende Reform der Lehrerbildung in Hessen vorstellen (Mitglieder erhalten den Vortrag im Downloadbereich unter der Rubrik "Artikel und Vorträge".
Dr. Knud Dittmann wird als Vorsitzender des Hessischen Philologenverbandes das Berufsbild der Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer beleuchten und mit Josef Kraus, dem Vorsitzenden des
Deutschen Lehrerverbandes, schauen wir über Hessen hinaus, welche Ansprüche an und Erwartungen von GymnasiallehrerInnen bestehen.

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